Republikanischer Liberalismus Beispiel Essay

Johannes Marx
Is There a Hard Core of IR?
Eine wissenschaftstheoretische Betrachtung der Theorien der Internationalen Beziehungen

Die Lehrbücher der Internationalen Beziehungen kennen üblicherweise eine Vielzahl von Theorien. Das Verhältnis der Theorien zueinander und die Frage ihrer Anwendungsbedingungen sind jedoch weitgehend ungeklärt. Hier setzt der Artikel an. Es wird argumentiert, dass zumindest einige der gängigen Theorien in keinem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. Stattdessen sind sie als unterschiedliche Modelle desselben Forschungsprogramms zu interpretieren. Die Modelle unterscheiden sich insofern voneinander, als dass sie von verschiedenen empirischen Strukturvoraussetzungen und Strukturwirkungshypothesen ausgehen, während sie denselben »harten Kern« teilen. Diese Theorien der Internationalen Beziehungen lassen sich damit als kontextualisierte Spezialisierungen eines allgemeinen Modells der Internationalen Beziehungen verstehen.

1.  Einleitung

Lehrbücher geben einen guten Einblick in den theoretischen Entwicklungsstand einer Disziplin.1 In den Lehrbüchern der Internationalen Beziehungen findet sich eine Vielzahl unterschiedlicher Theorien.2 Die folgenden Theorien werden beispielsweise in einem populären Lehrbuch der Internationalen Beziehungen behandelt: Realismus, Neorealismus, Interdependenz, Regimetheorie, Neofunktionalismus, neuer Liberalismus, liberale Ansätze zum Demokratischen Frieden, die Englische Schule, Weltgesellschaft und Globalisierung, Imperialismustheorie, Weltsystemtheorie, neo-Gramscianische Perspektiven, internationale politische Ökonomie, Sozialkonstruktivismus, kritische Theorie, postmoderne Ansätze, feministische Ansätze und kritische Geopolitik (Schieder/Spindler 2006).

Die Anordnung in den Lehrbüchern ist häufig chronologischer, selten systematischer Natur. Dies liegt darin begründet, dass es an einer allgemein akzeptierten Systematik der Theorien der Internationalen Beziehungen mangelt und grundlegende Fragen bezüglich des Stellenwerts, des Anwendungsbereichs und des Anspruchs der Theorien ungeklärt sind. Dieser Artikel möchte einen Beitrag zur Klärung dieser Fragen leisten, indem er eine Systematisierung vor dem Hintergrund wissenschaftstheoretischer Überlegungen vorschlägt. Natürlich können diese Fragen nicht für alle angesprochenen Theorien gelöst werden. Für die folgende Untersuchung stehen daher bewährte Theorien der Internationalen Beziehungen im Mittelpunkt. Lediglich für den Neorealismus, die liberale Theorie der Internationalen Beziehungen, Neoinstitutionalismus und Sozialkonstruktivismus sollen die angesprochenen Probleme diskutiert werden.3 Eine solche Untersuchung verlangt wissenschaftstheoretische Überlegungen hinsichtlich der Struktur, der inhaltlichen Qualität und der Bewertung von Theorien.

Wissenschaftstheoretische Untersuchungen sind in den Internationalen Beziehungen immer noch eine Ausnahme. Einzig die Überlegungen von Lakatos haben in den letzten Jahren eine gewisse Prominenz gewonnen (vgl. Elman/Elman 2002; Faust 2004; Vasquez 1998; Vogt 1999). Im Allgemeinen wird in der Forschungsliteratur der Begriff des Forschungsprogramms synonym mit dem Begriff der Theorie verwendet. Dementsprechend werden auch einzelne Theorien wie der Neorealismus als Untersuchungsobjekte herangezogen und mit neueren theoretischen Entwicklungen innerhalb des Neorealismus verglichen, um degenerative oder progressive Problemverschiebungen festzustellen (Vasquez 1998). Dies ist eine legitime Vorgehensweise, mit der sinnvolle Erkenntnisse über den qualitativen Wandel von Theorien gewonnen werden können. Jedoch eignet sich diese Perspektive nicht für die geplante Untersuchung. Stattdessen soll hier gefragt werden, ob die verschiedenen theoretischen Positionen innerhalb der Internationalen Beziehungen nicht eine gemeinsame theoretische Basis haben. Eine solche Basis stellt eine notwendige Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog zwischen Vertretern und Vertreterinnen unterschiedlicher Theorien dar. Im Falle von Inkommensurabilität zwischen Theorien ist aus Sicht mancher WissenschaftstheoretikerAinnen eine sinnvolle Kommunikation nicht möglich oder zumindest problematisch (Kuhn 1997; 1999; Stegmüller 1973; 1986a).

Im Folgenden wird daher durchaus im Sinne von Lakatos davon ausgegangen, dass Forschungsprogramme größere theoretische Einheiten darstellen und diverse Theorien in einem Forschungsprogramm zusammengefasst werden können. Als potentielle Vertreter für Forschungsprogramme werden in den Sozialwissenschaften üblicherweise das soziologische und das ökonomische Forschungsprogramm genannt (Esser 1999a; 1999b; Opp 1986a; Schimank 2000). Inwieweit diese Positionen kompatibel oder kompetitiv sind, ist in der Forschung umstritten.

Auch für die Theorien der Internationalen Beziehungen sind diese Fragen weitgehend ungeklärt. So findet sich die Position, dass die Theorien der Internationalen Beziehungen miteinander konkurrieren (Herrmann 1998: 606; Jackson/Sorensen 1999: 34), ebenso wie der Standpunkt, dass die Theorien überwiegend dem rationalistischen Zweig zugeordnet werden können oder sich zumindest ergänzen.4 Überdies findet sich in der Literatur die Forderung, dass die destruktive metatheoretische Debatte zu beenden und durch einen konstruktiven empirischen Dialog zwischen den Theorien zu ersetzen ist (Jupille et al. 2003: 8).

Die Frage, wie so ein konstruktiver Dialog zwischen den Theorien aussehen könnte, ist jedoch weitgehend ungeklärt. Abstrakt ausgedrückt würde sich ein solcher Dialog aus wissenschaftstheoretischer Perspektive über die Geltungsbedingungen der Zusatzannahmen zu verständigen haben.5 Konkret ist diese Frage nicht zu beantworten, so lange unklar ist, worin sich die Theorien voneinander unterscheiden und welchen Stellenwert diese Unterschiede besitzen. Um diese Fragen zu klären, werden die Theorien in einer geeigneten Metasprache reformuliert. In dieser Sprache müssen auch Bedingungen formuliert sein, unter welchen Umständen Theorien zu Forschungsprogrammen zusammengefasst werden können. Innerhalb solcher Programme ist die Kommunikation insofern unproblematisch, als dass theoretische Debatten nicht vor Inkommensurabilitätsproblemen stehen.

Der Versuch einer systematischen Rekonstruktion der Theorien in einer einheitlichen Metasprache soll in diesem Artikel unternommen werden. Es wird argumentiert, dass sich die Theorien der Internationalen Beziehungen als kontextualisierte Spezialmodelle eines allgemeinen theoretischen Forschungsprogramms der Internationalen Beziehungen interpretieren lassen und der allgemeine theoretische Kern der Internationalen Beziehungen dem Kern des ökonomischen Forschungsprogramms entspricht.6

2.   Wissenschaftstheoretische Position und Vorgehensweise

Als wissenschaftstheoretischer Rahmen wird auf die Position des Strukturalismus von Wolfgang Stegmüller und Joseph Sneed zurückgegriffen. Inhaltlich knüpft der Strukturalismus an die Überlegungen von Thomas Kuhn und Imre Lakatos an (Poser 2001: 165). Im Unterschied zum klassischen Theorienverständnis (statement view), wie es beispielsweise von Karl Popper und Hans Albert vertreten wurde, wird das Ziel aufgegeben, Theorien axiomatischlogisch - im Sinne von durch Konjunktion verbundenen Sätzen (statements) - zu rekonstruieren (Stegmüller 1986b: 17; 1987a: 469-512). Dies gilt auch für die Annahme, dass Theorien endgültig verifiziert oder falsifiziert werden könnten. Stattdessen werden Theorien mengentheoretisch als abstrakte Strukturen aufgefasst (nonstatement view).1

Theorien lassen sich nach dieser Vorstellung als Strukturen auffassen, die aus einer Menge theoretischer Annahmen sowie einer Menge intendierter Anwendungen bestehen. Die theoretischen Annahmen lassen sich in einen theoretischen Kern und eine Reihe weiterer theoretischer Annahmen aufteilen, die den Schutzgürtel bilden. Diese weiteren Annahmen können sich beispielsweise auf die Stabilität bestimmter Einflussgrößen, Verbindungen zu anderen Theorien etc. beziehen. Ein weiteres zentrales Element bilden die intendierten Anwendungen einer Theorie.8 Verschiedene Theorien können durchaus auf denselben theoretischen Kern zurückgreifen. Die Kernannahme einer Theorie stellt die zentrale Gesetzesaussage dar.

Normale Wissenschaft, durchaus im Sinne Kuhns, besteht nun darin, dass neue Anwendungen für den Kern gefunden werden. Um diese Anwendungen zu ermöglichen, sind Änderungen bei den theoretischen Zusatzannahmen erlaubt. Wenn eine Theorie nun in der Anwendung auf einen Fall scheitert, ist das nicht notwendigerweise als Falsifikation dieser Theorie zu interpretieren (Stegmüller 1987b: 280-302). Stattdessen bedeutet dies zunächst nur, dass die Zusatzannahmen in einer Weise modifiziert werden müssen, die die Erklärung des neuen Sachverhalts ermöglicht. Dies ist die Funktion des theoretischen Schutzgürtels, den jedes entwickelte Forschungsprogramm aufweist. Erst wenn dies dauerhaft misslingen sollte, müsste diese konkrete Anwendung aus der Menge der intendierten Anwendungen ausgeschlossen werden. Eine Anwendung, von der man annahm, dass sie zum intendierten Anwendungsbereich der Theorie gehörte, kann nicht durch diese erklärt werden. Sollte sich dauerhaft erweisen, dass die beobachtete Anomalie symptomatisch für eine Klasse von zentralen Anwendungen ist und die Theorie beispielsweise nur durch Veränderungen der Kernannahmen zu halten wäre, dann erst wäre im Sinne von Lakatos auf Erfolg versprechende theoretische Alternativen zu setzen.9

Auf der Grundlage dieser begrifflichen Klärung lässt sich nun präzisieren, unter welchen Bedingungen Theorien Teil eines Forschungsprogramms sind und wann sie verschiedenen Forschungsprogrammen zugeordnet werden müssen: Theorien sollen genau dann zu einem Forschungsprogramm gerechnet werden, wenn sie sich in den Kernannahmen gleichen und nur in Zusatzannahmen (Schutzgürtel) differieren. Das Ziel der Rekonstruktion besteht im Folgenden in der Reformulierung der IB-Theorien als Theoriemodell eines Forschungsprogramms. Dies ist möglich, wenn die Theorien unter expliziter Nennung der gleichen Kernannahmen rekonstruiert werden können.

Für die Untersuchung gilt es nun genauer zu bestimmen, worin die Kernannahmen einer Theorie bestehen. Hier wird davon ausgegangen, dass die gesuchten Gesetzmäßigkeiten in großen Teilen der Sozialwissenschaften handlungstheoretischer Art sind. So werden soziale Strukturen als das Ergebnis menschlicher Verhaltensweisen aufgefasst.10 Dieser methodologische Individualismus bedeutet jedoch nicht, dass der Einfluss sozialer Strukturen unberücksichtigt bleiben muss. Gerade die Effekte sozialer Strukturen auf das Verhalten einzelner Akteure sind für die Analyse sozialer Prozesse häufig aufschlussreich. Zur Rekonstruktion der Theorien der Internationalen Beziehungen wird im Folgenden daher auf die Überlegungen von James Coleman zurückgegriffen. Dieser verfolgt in den Grundlagen der Sozialtheorie (1995) ein ähnliches Forschungsinteresse. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht erstens der Versuch, Struktur und Akteur mit Hilfe eines handlungstheoretischen Zugangs zusammenzubringen. Sein zweites Anliegen besteht in der Systematisierung und Integration verschiedener sozialwissenschaftlicher Theorien. Dazu entwickelte er mit dem Strukturindividualistischen Erklärungsmodell ein metatheoretisches Instrumentarium, das im folgenden Abschnitt vorgestellt wird. Da bei der Rekonstruktion einer Theorie mit Hilfe dieses metatheoretischen Instruments zwischen Kernannahmen und sonstigen Bestandteilen differenziert wird, lässt sich auf dieser Basis die Einordnung der untersuchten Theorien in ein Forschungsprogramm begründen.

3.  Das Strukturindividualistische Erklärungsmodell als metatheoretischer Rahmen

Nach James Coleman besteht jede sozialwissenschaftliche Erklärung aus drei Elementen. Diese werden häufig nur implizit berücksichtigt. Sie sind aber ein notwendiger Bestandteil sozialwissenschaftlicher Theoriebildung:

Erstens ist für eine sozialwissenschaftliche Erklärung die auf der Makroebene liegende Struktur einer Handlungssituation zu berücksichtigen. Aus der speziellen sozialen Situation, der die Akteure ausgesetzt sind, lassen sich die strukturellen Faktoren ableiten, die die Handlungsmöglichkeiten der Akteure bedingen. Dieses erste Element wird von Coleman mit Definition der Situation umschrieben. Hier werden über Brückenhypothesen Strukturmerkmale der sozialen Handlungssituation mit den Erwartungen und Bewertungen des Akteurs verbunden. Folgendes einfaches Beispiel veranschaulicht diesen Gedanken: Die Metapher des Schattens der Zukunft bei Axelrod kann so beispielsweise als ein Strukturmerkmal verstanden werden, das sich auf die Erwartung weiterer Interaktionen auswirkt (Axelrod 2000: 11-12). Die Rede von einem großen Schatten der Zukunft lässt sich daher handlungstheoretisch umformulieren: Eine Handlung mit einem anderen Akteur ist in einen dichten sozialen Kontext eingebettet, der eine hohe Wahrscheinlichkeit des Wiederaufeinandertreffens verspricht. Weil die Beziehung zwischen Struktur und Akteur häufig vernachlässigt wird, erscheinen zahlreiche Handlungen als irrational (Coleman 1995: 22). In diesen Fällen ist es dem Wissenschaftler oder der Wissenschaftlerin nicht gelungen, den Einfluss der sozialen Struktur auf den Akteur adäquat zu rekonstruieren.

Als zweites Element bedarf eine sozialwissenschaftliche Erklärung eines Auswahlmechanismus auf der Mikroebene in Form einer Handlungstheorie. Dieser ist notwendig, um aus der Vielzahl der durch die Struktur der Situation ermöglichten Handlungen eine auszuwählen. Dieser Schritt wird auch die Logik der Selektion genannt (Esser 1999a: 94; 1999b: 66). Neben einer konsequentialistischen Handlungslogik können hier auch alternative Selektionsregeln verwendet werden. In diesem Element verbirgt sich das nomologische Element der sozialwissenschaftlichen Erklärung, ohne das nicht von einer Erklärung gesprochen werden kann.

Später soll untersucht werden, ob sich die ausgewählten Theorien der Internationalen Beziehungen in der Terminologie des ökonomischen Forschungsprogramms rekonstruieren lassen.11 Daher ist es notwendig, die Selektionsregel weiter inhaltlich auszuführen. Coleman greift auf einen Begriff der Rationalität zurück, »der dem rationalen Akteur in der ökonomischen Theorie zugrunde liegt« (Coleman 1995: 17). Es ist die Vorstellung, dass ein Akteur die Handlungsalternative wählen wird, die seinen Nettonutzen maximiert. Gleichzeitig knüpft er mit seinen Überlegungen an die alltägliche Vorstellung von Handeln an. Wenn man eine Handlung verstehen möchte, dann gilt es nach Coleman, die »>Gründe< [zu] verstehen, warum die Person auf eine bestimmte Weise gehandelt hat« (Coleman 1995: 17). Eine Handlung zu verstehen, impliziert damit die Behauptung, »daß wir das beabsichtigte Ziel verstehen und auch, wie der Akteur die Handlungen und deren Beitrag zur Zielerreichung einschätzt« (Coleman 1995: 17). Im Einzelnen spielen dabei insbesondere die individuellen Ziele sowie die wahrgenommenen Handlungsbeschränkungen eine Rolle.

Für das ökonomische Forschungsprogramm lassen sich damit drei Kernannahmen herausstellen, deren Vorliegen als Kriterien der Zugehörigkeit zum ökonomischen Forschungsprogramm zu werten sind: Erstens sind die Präferenzen von Akteuren eine Bedingung für ihr Handeln, d.h. Handeln ist zielgerichtet. Zweitens unterliegen die Handelnden Beschränkungen. Auch die wahrgenommenen Restriktionen sind damit eine Bedingung für das Handeln. Und drittens führen Individuen genau diejenigen Handlungen aus, die ihre Ziele im höchsten Maße realisieren (Opp 1993: 209). Das bedeutet: Theorien können genau dann dem ökonomischen Forschungsprogramm zugerechnet werden, wenn sie diese drei Kernannahmen teilen.

Im dritten Element einer sozialwissenschaftlichen Erklärung wird die Verbindung von der Individualebene zur Ebene der sozialen Struktur wieder hergestellt. Die Logik der Aggregation beschreibt, wie die Handlungen Einzelner in ihrer Interaktion das zu erklärende Phänomen bewirken. Als einfaches Beispiel lassen sich hier Rüstungswettläufe nennen, die auf den ersten Blick paradox und irrational erscheinen. Kompliziertere Prozesse sind das Entstehen von Massenbewegungen (Opp 2009) sowie die Herausbildung gesellschaftlicher Ordnungsmuster (Hedström 2008). In der Komplexität dieser Prozesse mag der Grund dafür liegen, dass manche soziale Effekte vorschnell als emergent verstanden werden.

Im Folgenden wird es darum gehen, die impliziten Brückenhypothesen, die Selektionsregel sowie, falls vorhanden, die Aggregationsannahmen der ausgewählten IB-Theorien herauszuarbeiten. Im Mittelpunkt steht dabei zunächst die Identifikation der theoretischen Kernannahmen, ist ihr Vorhandensein doch die notwendige Bedingung für die Zugehörigkeit zum ökonomischen Forschungsprogramm.

Als zentrales Problem behandelt der Neorealismus die Frage, unter welchen Umständen Akteure miteinander kooperieren und wann sie Kooperation verweigern. Diesen Gedanken stellt Waltz (1979) in seinem Werk Theory of International Politics in den Mittelpunkt und entwickelt eine Theorie der internationalen Beziehungen, in der die Struktur des internationalen Systems als zentrale erklärende Variable fungiert (vgl. auch Grieco 1988; Herz 1974; Mearsheimer 1995). Waltz formuliert darüber hinaus den Anspruch, sich an der ökonomischen Mikrotheorie orientieren zu wollen (Waltz 1979: 89-93). Eine Rekonstruktion des Neorealismus als ökonomisches Theoriemodell kann damit gerechtfertigt werden, da die Selektionsregel der ökonomischen Mikrotheorie dem Kern des ökonomischen Forschungsprogramms entspricht. Waltz konzentriert sich auf die Analyse des Einflusses, den die Struktur des internationalen Systems auf das Handeln der einzelnen Staaten hat. Dabei können unterschiedliche Strukturen des internationalen Systems entweder friedensstiftende Machtkonstellationen darstellen oder konfliktinduzierende Wirkungen entfalten. Konkret interessiert ihn die Frage, warum bei bestimmten Strukturen des internationalen Systems vermehrt Kriege auftreten, während andere Strukturen Frieden begünstigen.

Die Effekte der Struktur des internationalen Systems lassen sich im Hinblick auf drei Punkte näher bestimmen: Aus der fehlenden supranationalen Steuerungsfähigkeit ergibt sich für Staaten erstens die Notwendigkeit, sich selbst um ihre Sicherheit zu kümmern (Waltz 1979: 79-101). Zweitens sind die Staaten die zentralen Einheiten des internationalen Systems. Sie gleichen sich in der Notwendigkeit, ihr Überleben sichern zu müssen. Drittens unterscheiden sich Staaten im Hinblick auf die dafür notwendige Fähigkeit Sicherheit zu maximieren. »States are differently placed by their power« (Waltz 1979: 97). Deshalb geht es bei der Bestimmung von Macht auch nicht um absolute Werte, sondern um relative Machtverschiebungen gegenüber den Nachbarn (Grieco 1988; Waltz 1979: 105-107). Andere Attribute der Staaten, wie die Art des politischen Systems, ihre Tradition oder weitere nationale Interessen, sind für die Analyse im Sinne von Waltz nicht von Belang (Vogt 1999: 47). Daran anknüpfend argumentiert Waltz, dass das internationale System die Eigenschaft der Selbststabilisierung aufweist und zu einem Mächtegleichgewicht tendiert (Walt 1985; Waltz 1979: 121). Allen Staaten kann man aufgrund der anarchischen Struktur der internationalen Beziehungen eine realpolitische Orientierung unterstellen. Machtungleichgewichte stellen eine entscheidende Einschränkung staatlicher Handlungsoptionen dar und müssen schon im Ansatz verhindert werden. Staaten verfolgen deshalb eine Politik des Machtausgleichs (balancing) und schließen sich nicht einer hegemonialen Macht an (bandwagoning). Intern konzentriert sich staatliches Handeln auf den Ausbau der ökonomischen und militärischen Macht. Extern bemühen sich Staaten um die Bildung stabiler Bündnisse.
Wenn man den Neorealismus in die Terminologie des ökonomischen Forschungsprogramms übersetzt, gilt es zunächst, die vom Neorealismus unterstellte internationale Struktur mittels der Formulierung von Brückenhypothesen zu erfassen.
Die Staaten interpretieren die anarchische Struktur des internationalen Systems als bedrohlich für ihre Existenz. Aufgrund der wahrgenommenen Bedrohung streben die Staaten nach dem Gut Sicherheit. Am Beispiel des unipolaren Systems12 lässt sich die implizit verwendete Brückenhypothese exemplarisch formulieren: Wenn die grundsätzliche Bedingung der Anarchie und die besondere Struktur eines unipolaren Systems gegeben ist, dann antizipieren nichthegemoniale Staaten die Handlungsalternative Eingehen von Bündnissen mit anderen nicht hegemonialen Staaten als attraktivste Handlungsalternative zur Sicherung ihres Überlebens. Der unterstellte Aggregationsmechanismus führt dann dazu, dass sich auf Systemebene ein Gleichgewicht der Mächte ergibt. Dies wird nicht von den Akteuren als Primärziel intendiert, sondern ist Ergebnis der Aggregation des nutzenmaximierenden Verhaltens staatlicher Akteure. Reformuliert im Strukturindividualistischen Erklärungsmodell stellen sich Waltz' Überlegungen folgendermaßen dar:

Die Analyse des Neorealismus vor dem Hintergrund der Struktur einer Mehrebenenerklärung zeigt, dass der harte Kern des ökonomischen Programms, die Rationalitätsunterstellung, bei der Rekonstruktion des Neorealismus im metatheoretischen Bezugsrahmen erhalten werden kann. Die Argumentation des Neorealismus basiert auf spezifischen inhaltsreichen Zusatzannahmen. So unterstellt man die Brückenhypothese, dass aufgrund des anarchischen Staatensystems alle Staaten das Gut Sicherheit maximieren. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Annahmen des Neorealismus nach Kern- und Zusatzannahmen trennen. Anarchie und Sicherheitsstreben sind zusätzliche Annahmen, mit denen der Kern des ökonomischen Forschungsprogrammes empirisch angereichert wird. Die folgende Grafik veranschaulicht die innere Struktur der Theorie:

Die Rekonstruktion legt nahe, dass sich die Kritik im Forschungsstand primär gegen die starken Zusatzannahmen über die Struktur des internationalen Systems und deren Wirkung richtet und weniger gegen den harten Kern. Aus den ausgeführten wissenschaftstheoretischen Überlegungen heraus sind einzig die Annahmen des harten Kerns vor Falsifikationen dauerhaft geschützt. Alle sonstigen Zusatzannahmen haben den Status von Hypothesen, die sich der Konfrontation mit der Empirie stellen müssen. Bewähren sich die Zusatzannahmen, können sie als zuverlässig gelten und beibehalten werden. Bewähren sie sich nicht, sollten sie modifiziert werden. Dies gilt auch für die Annahme, dass nur staatliche Akteure in den Blick genommen werden sollen. Solche Modifikationen sind wissenschaftstheoretisch durchaus wünschenswert und im normalwissenschaftlichen Prozess an der Tagesordnung. Sie stellen keine Falsifikation der Theorie dar. Eine Ausnahme stellt lediglich die Kritik aus sozialkonstruktivistischer Perspektive dar, die die Rationalitätsunterstellung in Frage stellt. Diese Kritik wurde beispielsweise im Rahmen der ZIB-Debatte schon in den ersten Beiträgen von Müller (1994; 1995) deutlich, der ökonomischen Theorien wie Neorealismus und Neoinstitutionalismus das Potential zur Erklärung kooperativer Handlungen absprach. Alternativ schlägt Müller vor, die Theorie kommunikativen Handelns von Habermas zu verwenden. In der Folge entspannte sich eine intensive Auseinandersetzung um die Frage, inwieweit die Annahme der Nutzenmaximierung hinreichend und notwendig ist, verständigungsorientierte Handlungen und Kooperation zu erklären (überblicksartig Holzinger 2001; Risse-Kappen 1995; Risse 2003).13

5.  Die liberale Theorie der internationalen Politik als ökonomisches Theoriemodell

Die liberale Theorie der internationalen Politik betont den Stellenwert innenpolitischer Faktoren für die internationalen Beziehungen. Dafür knüpft Moravcsik mit seiner Theorie an Überlegungen von Keohane und Nye an (1977). So könne der Neorealismus nicht erklären, welche Präferenzen ein Staat in seiner Außenpolitik verfolgt (Moravcsik 1997). Zu behaupten, dass diese aufgrund der anarchischen Struktur des internationalen Systems auf die Maximierung des Gutes Sicherheit festgelegt seien, werde den komplexen innerstaatlichen Präferenzbildungsprozessen nicht gerecht. Nicht die anarchische Struktur des internationalen Systems bestimme das staatliche Handeln, sondern die Interessen der innerstaatlichen Individuen und Gruppen seien das bestimmende Element der internationalen Politik. Die inneren politischen Willensbildungsprozesse werden daher herangezogen, um die außenpolitischen Präferenzen des Staates zu bestimmen (Putnam 1988). Das Ziel von Moravcsik bleibt die Erklärung des intergouvernementalen Verhaltens von Staaten. Dafür greift er explizit auf das Vokabular ökonomischer Erklärungsansätze zurück, wenn er von Präferenzen und Interessen spricht. Vor diesem Hintergrund scheint auch die Rekonstruktion der liberalen Theorie als ökonomisches Theoriemodell rechtfertigbar. Dabei lässt sich die liberale Theorie nach Moravcsik anhand von drei zentralen Prämissen charakterisieren:

- die bestimmenden Akteure in den internationalen Beziehungen sind nicht Staaten, sondern soziale Akteure und innergesellschaftliche Gruppen (Moravcsik 1997:516);

- die Interessen der einzelnen Gruppen stehen in einem Konkurrenzverhältnis zueinander;

- wie der innerstaatliche Wettbewerb um Einfluss verläuft, ist abhängig von der politischen Struktur des jeweiligen Systems.

Das außenpolitische Handeln eines Staates folgt lediglich den gesellschaftlichen Interessen, die sich im innerstaatlichen Politikprozess durchgesetzt haben (Moravcsik 1997: 518-520). Damit rücken die institutionellen Rahmenbedingungen innerhalb eines politischen Systems in den Fokus (Milner 1997). Demokratische, autoritäre oder diktatorische Strukturen haben unterschiedliche Effekte auf die Möglichkeit von Interessengruppen, sich in den Interessenwettbewerb einzubringen. Dies spiegelt sich dann in den außenpolitischen Zielvorstellungen der Staaten wider.

Am Beispiel der kommerziellen Variante der liberalen Theorie soll der Aufbau der Theorie verdeutlicht werden. Diese stellt die ökonomischen Interessen der gesellschaftlichen Akteure in den Mittelpunkt. Das außenpolitische Verhalten des Staates wird von den Gewinnen und Verlusten der relevanten gesellschaftlichen Akteure bestimmt. Sie versuchen, ihre Interessen im innerstaatlichen Präferenzbildungsprozess durchzusetzen. Ein gewaltsamer Konflikt, der die transnationalen Handelsbeziehungen zwischen den Staaten beenden würde, wäre nicht im Interesse der von grenzüberschreitenden Austauschbeziehungen profitierenden gesellschaftlichen Akteure. Aus dieser Perspektive haben am Handel orientierte Gesellschaften einen Anreiz, gewaltsame Konflikte zu vermeiden (Zangl/Zürn 2003: 67). Vertreterinnen und Vertreter des kommerziellen Liberalismus argumentieren, dass Veränderungen der internationalen ökonomischen Strukturen die Nutzenfunktionen der transnational agierenden Akteure verändern (Moravcsik 1997: 528).

Inwieweit Kooperation oder Konflikt die internationalen Beziehungen prägen, hängt davon ab, inwieweit die durch den Staat repräsentierten gesellschaftlichen Präferenzen mit denen anderer Staaten harmonieren oder kollidieren (Moravcsik 1997: 520-521). Zwar sind die außenpolitischen Zielsetzungen des Staates ein Produkt des innergesellschaftlichen Interessenwettbewerbs. Die Handlungsmuster der internationalen Politik sind aber auch von den zwischenstaatlichen Interessenkonstellationen (policy interdependence) abhängig (Moravcsik 1997: 520). Moravcsik unterscheidet drei mögliche Szenarien, wie Interessen verschiedener Staaten zueinander stehen können: Die Interessen von Staaten können erstens konvergieren, wodurch die Wahrscheinlichkeit internationaler Kooperation steigt (Moravcsik 1997: 521). Zweitens können die staatlichen Interessen auch divergieren. Dann hat die Interaktionssituation den Konfliktcharakter einer Nullsummenkonstellation, in der die Gewinne des einen Akteurs zugleich die Verluste des anderen darstellen. Schließlich können sie sich drittens auch komplementär zueinander verhalten. Dann besteht ein großer Anreiz für die betroffenen Staaten, über Politikkoordination Gewinne zu realisieren.

Für die handlungstheoretische Rekonstruktion soll hier vereinfachend davon ausgegangen werden, dass die Regierung stellvertretend für den Staat agiert. Die Interessen der ökonomischen Akteure wirken deshalb als Restriktionen auf das Entscheidungskalkül der Regierung ein. Im Rahmen dieses Konzepts unterstellt man deshalb eine Brückenhypothese, die einen Zusammenhang zwischen den ökonomischen Interessen mächtiger Interessengruppen und der Definition der Situation seitens der Regierung herstellt: Aufgrund der interdependenten Struktur der internationalen Beziehungen und den starken Wohlfahrtsinteressen gesellschaftlicher Gruppen interpretieren Regierungen den Ausbau von Wirtschaftsbeziehungen als attraktivste Handlungsalternative.

In der Brückenhypothese wird als Reaktion auf die innerstaatlichen Präferenzen sowie die interdependente Struktur der internationalen Beziehungen eine außenpolitische Orientierung an Wirtschaftsfragen formuliert. Es wird argumentiert, dass damit die Maximierung von Wohlfahrt als die wichtigste Handlungsalternative eingestuft wird. Moravcsik betont, dass die Ausprägung der Interessenskonstellation zwischen den Staaten die erklärende Variable für die Entstehung von internationaler Kooperation oder internationalen Konflikten darstellt. Die Aggregation der wohlfahrtsförderlichen Handlungen der einzelnen Akteure führt langfristig dazu, dass Handelsbeziehungen ausgebaut, Handelsbündnisse abgeschlossen und Handelshemmnisse zurückgehen werden. Insgesamt lassen sich die Kern- und Zusatzannahmen folgendermaßen zusammenfassen:

Aus handlungstheoretischer Perspektive fällt auf, dass das ökonomische Theoriemodell liberale Theorie der internationalen Politik starke Annahmen hinsichtlich der Randbedingungen in das Theoriegebäude integriert hat. So mag die Dominanz wirtschaftlicher Interessen für manche gesellschaftliche Gruppen auf der Hand liegen, sie ist j edoch nicht naturgegeben. Vor dem Hintergrund der Entwicklung der letzten Jahre lässt sich feststellen, dass insbesondere die Bedeutung von Nichtregierungsorganisationen (NROs) gewachsen ist, die postmaterialistische Bedürfnisse ansprechen. Deshalb muss an dieser Stelle auf die Qualität der Zusatzannahmen verwiesen werden. Sie sind nach Lakatos nicht vor Falsifikationen geschützt, sondern der andauernden empirischen Bewährung und Überprüfung ausgesetzt. Sie gelten damit als empirische Hypothesen, die bei Bedarf korrigiert werden müssen.

6.  Der Neoinstitutionalismus als ökonomisches Theoriemodell

Der Neoinstitutionalismus ist eine Theoriefamilie, die sich mit der zunehmenden Verflechtung der internationalen Beziehungen auseinandersetzt (Krasner 1995; Stein 1983). Exemplarisch lässt sich die Argumentation an Robert O. Keohane festmachen. In seinem Werk After Hegemony (1984) entwickelt er eine Erklärung für das Zustandekommen internationaler Regime. Er argumentiert, dass man mit den Grundannahmen des Neorealismus im Hinblick auf die Rationalität der Akteure auch zu einem anderen Ergebnis kommen kann. Dafür verändert er lediglich die Randbedingungen des neorealistischen Bezugspunktes. Er verneint die Existenz von Hegemonialstaaten, wodurch sich die Situation für die Akteure ändert (Keohane 1984: 67). Die grundsätzliche theoretische Orientierung, dass Staaten nutzenmaximierende Akteure sind und in einer gegebenen Struktur nationalstaatliche Ziele verfolgen, bleibt in seiner Argumentation erhalten. So referiert Keohane (1984: 65-87) beispielsweise explizit Überlegungen von Rational CAo/ce-Theoretikern wie Olson und Axelrod und verwendet damit die Selektionsregel des ökonomischen Forschungsprogramms.

Ähnlich wie der Neorealismus sieht auch Keohane im Fehlen einer regierungsähnlichen Steuerungsinstanz das zentrale Merkmal des internationalen Systems. Er stellt die Frage, wie es unter solchen Bedingungen zu kooperativen Regelungen in konfliktträchtigen interdependenten Politikfeldern kommt. Kooperation resultiert im internationalen Kontext nicht aus gezielter Steuerung, sondern basiert auf den Mechanismen der Selbstorganisation (Keohane 1984: 183). Diese wiederum können aus dem eigennutzorientierten Verhalten der beteiligten Akteure erklärt werden. Im Mittelpunkt staatlichen Strebens steht die Maximierung von Sicherheits- und Wohlfahrtsinteressen. Als Ergebnis dieser Selbstorganisationsprozesse können Regime entstehen, die helfen Kooperationszusammenhänge zwischen Staaten zu stabilisieren und neue Kooperationsformen zu ermöglichen. Regime definiert Keohane als »institutions with explicit rules, agreed upon by govemments, that pertain to particular sets of issues in international relations« (Keohane 1989b: 4).

Keohane argumentiert somit, dass trotz ähnlicher Prämissen wie im Neorealismus Kooperation möglich ist. Erstens kooperieren Staaten bei der Errichtung von Regimen. Zweitens helfen Regime dabei, Kooperation zwischen Staaten zu erzeugen, zu erhalten oder auszubauen. Im ersten Fall untersucht man internationale Regime als abhängige Variable und fragt nach ihren Entstehungsbedingungen. Im zweiten Fall stellen Regime die unabhängige Variable dar und man untersucht ihre Wirkung.

Keohane führt die Bildung von Regimen aufzugrunde liegende gemeinsame Interessen der relevanten Akteure zurück. Die Akteure versprechen sich durch die Gründung eines Regimes einen Nutzenzuwachs. Schließlich gibt es die Erwartung, dass Regime Transaktionskosten reduzieren (Keohane 1984: 89-93). Dabei stellt die Interdependenzdichte in den relevanten Politikfeldern einen zentralen Bestimmungsfaktor für die Entstehung von Kooperation dar (Keohane 1984: 79). Ebenfalls von Bedeutung ist die Zahl der Akteure, die sich an der Produktion des Kollektivgutes beteiligen. Je mehr Staaten beteiligt sind, desto schwieriger ist es, Kooperation dezentral durchzusetzen und dauerhaft durch Sanktionen zu sichern (Oye 1986).

Einmal etablierte Regime begünstigen das kooperative Verhalten der zusammengeschlossenen Staaten. Regime stellen Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung und reduzieren die Transaktionskosten in risikobehafteten Interaktionssituationen (Keohane 1984: 89-93).

Die Rekonstruktion des Neoinstitutionalismus soll exemplarisch an der Frage der Regimeentstehung diskutiert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Fragen, warum Staaten ihr Handeln freiwillig an Normen ausrichten und welche Strukturmerkmale der internationalen Beziehungen diese riskante Kooperationsentscheidung ermöglichen. Institutionentheoretisch gesprochen geht es dabei um die Frage, unter welchen Umständen Staaten bereitwillig auf Kontrollrechte an ihren eigenen Handlungen verzichten.

Nach Keohane wirkt sich die Stabilität des Interaktionszusammenhangs positiv auf die Kooperationswahrscheinlichkeit aus. Im Falle einer wiederholten Begegnung der Akteure verändert sich deren Bewertung der Handlungsalternativen. Wie sieht nun hier der Zusammenhang zwischen Struktur- und Akteursebene aus? Die Akteure erkennen, dass sie die attraktiven Kooperationsgewinne dauerhaft leichter oder in größerem Umfang erwirtschaften können, wenn sie die Interaktionsbeziehung ausbauen und sich in ihrem Handeln an ein Regime binden. Sie sind deshalb bereit, Kontrollrechte über ihr außenpolitisches Verhalten in einem Politikfeld abzugeben. Wenn sich dazu mehrere Akteure gleichzeitig bereit erklären, wird als Folge des Aggregationsprozesses der einzelnen Handlungen ein Regime entstehen. Demnach gilt folgende Brückenannahme: Wenn die Stabilität des Interaktionszusammenhangs in einer interdependenten Handlungsstruktur von den Akteuren als hoch eingeschätzt wird und weitere Interaktionen zu erwarten sind, dann wird ein Ausbau der Kooperationsbeziehungen als beste Handlungsalternative eingestuft. Dabei besteht der problematische Aspekt von Kooperation in der glaubwürdigen Abtretung von Kontrollrechten an den eigenen Handlungen. Schließlich bedeutet die Errichtung eines Regimes, dass man sich in Bezug auf ein bestimmtes Politikfeld an gewisse Handlungsstandards bindet und auf kurzfristige Defektionsgewinne verzichtet.

Aufbauend auf dieser Beschreibung der Anfangsbedingungen und der Situationswahrnehmung der Akteure kann nun in einem nächsten Schritt die Logik der Selektion betrachtet werden. Hier wählen die betroffenen Akteure - dem Maximierungsprinzip folgend - die Handlungsalternative Kooperation aus, da sie den größten Nutzen verspricht. Die Akteure haben erkannt, dass sie die attraktiven Kooperationsgewinne dauerhaft leichter oder in größerem Umfang erwirtschaften können, wenn sie die Interaktionsbeziehung ausbauen und sich in ihrem Handeln an ein Regime binden. Sie sind deshalb bereit, Kontrollrechte über ihr außenpolitisches Verhalten in einem Politikfeld abzugeben. Schließlich gilt es in einem dritten Schritt die Logik der Aggregation herauszuarbeiten, soweit dies auf der Grundlage der zur Verfügung stehenden Informationen möglich ist. Im angenommenen Fall bedeutet dies, dass nur unter der Bedingung wechselseitiger Kooperation ein Regime als Produkt des Aggregationsprozesses entsteht.

Auch der Neoinstitutionalismus lässt sich vor dem Hintergrund der Unterscheidung von Kern- und Zusatzannahmen systematisch darstellen:

Gleichzeitig bietet die schematische Darstellung wiederum die Möglichkeit, die kritische Auseinandersetzung mit dem Neoinstitutionalismus zu systematisieren. So dreht sich die Auseinandersetzung zwischen Neorealisten (Grieco 1988), Neoinstitutionalisten (Keohane 1984; 1989a) und Vertretern der liberalen Theorie (Moravcsik 1997) letztlich um die Frage der empirischen Angemessenheit der Zusatzannahmen, während aus konstruktivistischer Perspektive sowohl Zusatzannahmen wie die Fixierung auf materielle Interessen in Frage gestellt werden (Hollis/Smith 1990; Hollis 1991) als auch der Kern des Forschungsprogramms abgelehnt wird (Onuf 2001; Zehfuß 2002).

7.  Der Sozialkonstruktivismus als ökonomisches Theoriemodell

Etwas schwieriger gestaltet sich die Rekonstruktion des Sozialkonstruktivismus. Auch hier soll von der nicht unproblematischen These ausgegangen werden, dass sich der Sozialkonstruktivismus im Rahmen des ökonomischen Forschungsprogramms rekonstruieren lässt. Jedoch eignen sich nicht alle sozialkonstruktivistischen Positionen für einen Rekonstruktionsversuch. Aufgrund des gewählten metatheoretischen Instrumentariums können nur solche Theorien als Untersuchungsobjekte herangezogen werden, die den Maßstab der Konfrontation mit einer erfahrungsunabhängigen Natur akzeptieren. Konstruktivistische Positionen, die einen epistemologischen Realismus ablehnen, indem sie die Welt als soziales Konstrukt verstehen, werden die Idee der »Realität« als regulativen Maßstab der Theorieentwicklung ablehnen. Damit erscheinen zwei Aspekte bei der Rekonstruktion der sozialkonstruktivistischen Position problematisch: Erstens die epistemologische Auffassung und zweitens die Rationalitätsunterstellung.

Zentrale konstruktivistische Positionen, wie beispielsweise der von einigen Vertretern und Vertreterinnen geteilte fundamentale epistemologische Antirealismus (Guzzini 2001; Kratochwil 2000; Zehfuß 2002), können im Rahmen der hier gewählten Vorgehensweise nicht berücksichtigt werden.14 Am plausibelsten erscheint deswegen ein Rekonstruktionsversuch von Wendts moderatem Sozialkonstruktivismus, da er sich auf epistemologischer Ebene am wenigsten von den bisher vorgestellten Theorien unterscheidet (Zangl/Zürn 1996: 342). Die Rekonstruktion zeigt, welche Elemente konstruktivistischer Überlegungen im Kontext des ökonomischen Forschungsprogramms berücksichtigt werden können. Aus diesen Gründen ist die hier präsentierte light-Version des Sozialkonstruktivismus sicher nicht kompatibel mit dem Selbstverständnis vieler konstruktivistisch arbeitender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Dennoch scheint ein Rekonstruktionsversuch lohnend: Die Rekonstruktion ermöglicht, die kompatiblen Annahmen des Sozialkonstruktivismus für ein ökonomisch orientiertes Forschungsprogramm nutzbar zu machen und schärft damit den Blick für die Anschlussmöglichkeiten und Differenzen zwischen konstruktivistischen und rationalistischen Ansätzen.

Wie sieht es mit der Rationalitätsunterstellung im Rahmen sozialkonstruktivistischer Ansätze aus? An manchen Stellen benutzt Wendt selbst das Vokabular des ökonomischen Forschungsprogramms und spricht beispielsweise von Handlungswahlen (1992:419).Es lässt sich darüber hinaus auch bei ihm die Vorstellung finden, dass Präferenzen und (zumindest kulturelle) Restriktionen eine Bedingung für das Handeln sind. Allerdings sind Präferenzen bei ihm nicht exogen gegeben, sondern resultieren aus einem spezifischen kulturellen Umfeld (Wendt 1999: 233-237). Da zentrale Merkmale des ökonomischen Forschungsprogramms auch bei Wendt identifiziert werden können, kann ein Rekonstruktionsversuch gerechtfertigt werden. Das Ergebnis dieses Übersetzungsversuches ist jedoch nicht mehr die Position von Wendt, sondern entspricht dem, was an sozialkonstruktivistischen Ideen im Rahmen des ökonomischen Forschungsprogramms verwendet werden kann.

Akzeptiert man diese Startschwierigkeiten, lässt sich der Sozialkonstruktivismus anhand folgender Thesen zusammenfassen: Erst die subjektiv erschlossene Wirklichkeit ist handlungsrelevant. Die Interpretation von Wirklichkeit ist abhängig von den Erfahrungen eines Akteurs, die sich in seiner Identität widerspiegeln. Die Identität eines Akteurs ist das Resultat eines sozialen Lernprozesses. Soziales Lernen bedeutet, dass die kollektiv definierten Rollenbilder, die sich in sozialen Strukturen ausdrücken, mittels eines Internalisierungsprozesses Eingang in die Akteursidentität finden. Die sozialen Strukturen resultieren ihrerseits aus vorausgegangenen sozialen Interaktionen. Es liegt eine kontinuierliche Wechselbeziehung zwischen Struktur und Handlung vor. Trotz aller kulturellen Prägung soll das Verhalten der Akteure immer noch als rationales Handeln verstanden werden. Jedoch sind die Handlungsziele kulturell vermittelt.

Theoretisch verortet Wendt den Prozess der Situationsdeutung zwischen der Makroebene und der Mikroebene. Strukturen wirken nicht direkt auf das menschliche Handeln. Sie sindjedoch ein zentraler Bestimmungsfaktor. Wendt betont den Vorrang sozialer Strukturen, ohne ihnen jedoch exklusive Wirkungsmacht zuzuschreiben. Als Brückenhypothese lassen sich seine Überlegungen folgendermaßen formulieren: Akteure interpretieren vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Erfahrungen die Struktur der Handlungssituation. Konkret interpretieren Akteure bei Vorliegen einer Kantianischen Struktur15 in den internationalen Beziehungen Kooperation als attraktivste Handlungsalternative und handeln entsprechend. Nach Wendt ist diese Interpretation der Situation nicht beliebig. Die subjektive Situationsdeutung seitens der Akteure ist eng mit ihrer Geschichte und Kultur verbunden. Aus den individuellen Handlungen ergibt sich in diesem Fall als Resultat des Aggregationsprozesses eine Verdichtung der freundschaftlichen Beziehungen zu anderen Staaten auf der Makroebene.

Die Rekonstruktion kulturell geprägten Handelns als ökonomisches Theoriemodell ist unproblematisch, wenn man sich auf die Überlegung einlässt, dass jegliches Handeln nur als in einem schwachen Sinne rationales Handeln interpretierbar ist.16 In diesem Sinn kann auch der Sozialkonstruktivismus als ökonomisches Theoriemodell mit Kern- und Zusatzannahmen beschrieben werden:

Mit dieser Reformulierung kulturell geprägten Handelns konnte jedoch nur ein Teil des sozialkonstruktivistischen Erkenntnisinteresses in das ökonomische Forschungsprogramm integriert werden. Komplizierter stellt sich der Fall sozialen Lernens dar, da hier Präferenzwandel im Rahmen des ökonomischen Forschungsprogramms zugelassen werden muss.

8.  Soziales Lernen im ökonomischen Forschungsprogramm

Wendt sieht soziales Lernen als zentralen Einwand gegen die Verwendung rein ökonomischer Methoden (Wendt 1992). Um soziales Lernen im Kontext des ökonomischen Theoriemodells überhaupt diskutieren zu können, muss zunächst die gängige These zurückgewiesen werden, dass im ökonomischen Forschungsprogramm die Entstehung und der Wandel von Präferenzen nicht behandelt werden können. Dies lässt sich schon bei Hobbes zeigen, der von Wendt häufig herangezogen wird, um die mangelnde Kooperationsfähigkeit rationaler Akteure zu belegen. Hobbes beschreibt im 17. Kapitel seines Leviathan einen dreistufigen Lernprozess, in dem die Akteure ihre Präferenzen ändern und damit kooperatives Handeln lernen (Hobbes 2005: 141-156). Schließlich gelingt es den Akteuren in Hobbes' Modell, sich aus freiem Willen von ihren umfassenden Rechten zu trennen und den Naturzustand zu verlassen (Kerstmg 1994; Koller 1987).

Auch die Spieltheorie beschäftigt sich mit dem Phänomen des Präferenzwandels. Man untersucht z.B. das Verhalten von Akteuren in stabilen Interaktionsbeziehungen mit der Konsequenz, dass dort Präferenzen endogenisiert werden. Präferenzen können sich im Prozess einer Interaktionsbeziehung wandeln und dieser Präferenzwandel selbst wird Untersuchungsgegenstand in Rational Choice-Arbeiten. Die Präferenzen sind in diesen Fällen nicht mehr exogen gegeben, sondern variieren in Abhängigkeit von strukturellen Merkmalen der Situation.17

Wendts Einwand lässt sich demnach nicht aufrechterhalten. Man kann den Wandel von Präferenzen in Abhängigkeit vom Wandel sich ändernder relativer Preise thematisieren. Präferenzwandel äußert sich hier im Erlernen neuer Handlungsalternativen oder neuer Bewertungen von Handlungsalternativen. Dies ist ein Aspekt, der normalerweise als Lernen bezeichnet wird. Einfaches Lernen ist damit ein Anwendungsfeld für Modelle des ökonomischen Forschungsprogramms.

Mit den Mitteln des Homo oeconomicus lassen sich jedoch zentrale Phänomene menschlichen Verhaltens nur schwer modellieren. Beispielsweise erscheinen vor dem Hintergrund eines analytisch orientierten Homo oeconomicus die innere Bindung an Normen, das freiwillige Eingehen von Verpflichtungen gegenüber anderen Akteuren ohne Sanktionsgewalt etc. als irrationale Handlungen. Dieses einfache analytische Theoriemodell kennt keine Moral, keine Gefühle und keine moralischen Selbstbindungen. Kooperation ist eine riskante Wahlmöglichkeit und wird letztlich aufgrund günstiger sozialer Strukturen gewählt. Ändern sich diese, haben die Akteure keinen inneren Grund, ihr Handeln beizubehalten. Es gilt daher zu fragen, ob auch komplexes Lernen im Rahmen des ökonomischen Forschungsprogramms thematisiert werden kann.

Diese Aspekte wurden in den Internationalen Beziehungen im Rahmen der ZIB-Debatte diskutiert. Konkret ging es dabei um die Frage, inwieweit das Erlernen von Werten im Rahmen des ökonomischen Forschungsprogramms untersucht werden kann. Kritisch sahen dies beispielsweise Müller (1994; 1995) und Schmalz-Bruns (1995). Aber auch Schimmelfenmg (1997; 2003), Risse-Kappen (1995; Risse 2003) und Zangl/Zürn (1996) argumentierten, dass der Wandel von Werten bei Akteuren (und damit von Identitäten) nicht mit der Theorie rationalen Handelns erklärt werden könne. Schließlich kann es »schwerlich als Ziel eines rationalen Akteurs gedeutet werden, wenn die eigenen normativen Überzeugungen und damit die eigene Identität zur Disposition gestellt wird« (Zangl/Zürn 1996: 355).

Eine Integrationsmöglichkeit von Moral, Gefühlen und Verpflichtungen bieten jedoch einige Theoriemodelle des ökonomischen Forschungsprogramms, so z.B. das Konzept der sozialen Produktionsfunktionen und die Framing-Theorie (Lindenberg 1989; 1993). Auch komplexe Lerneffekte werden hier zu einem zentralen Bestandteil sozialer Erklärungen. In diesem Kontext definiert Hartmut Esser »Lernen« als die Veränderung von bestehenden Erwartungen und Bewertungen (Esser 2001: 372-373). Da dies die zentralen Variablen der Handlungstheorie sind, können Verhaltensänderungen eben auch über die Veränderung von beiden Variablen - Erwartungen und Bewertungen - erklärt werden.

Die folgenden Überlegungen stellen eine mögliche Reformulierung zentraler Positionen von Wendt in der Sprache des ökonomischen Forschungsprogramms dar. Für die Rekonstruktion wird im Folgenden auf Überlegungen von Siegwart Lindenberg zurückgegriffen. Sein Konzept der sozialen Produktionsfunktionen postuliert gewisse menschliche Grundbedürfnisse, die je nach Ausprägung der gesellschaftlichen Strukturen auf unterschiedlichen Wegen befriedigt werden. Überträgt man dieses Konzept auf staatliche Akteure, eröffnen sich Möglichkeiten für eine Erweiterung des ökonomischen Theoriemodells in den Internationalen Beziehungen. Dazu ist es notwendig näher auszuführen, worin die Ähnlichkeit zwischen dem Konzept der sozialen Produktionsfunktionen und dem Sozialkonstruktivismus besteht, um einen Wissenstransfer von Erkenntnissen aus dem ökonomischen Forschungsprogramm in die Theorien der Internationalen Beziehungen zu rechtfertigen.

Wendt unterstellt staatlichen Akteuren Kernmotive (1999: 233-245). Hierin gleicht er Lindenberg, der menschlichen Akteuren das Streben nach Primärgütern zuschreibt. Die daraus folgende Argumentation ist in beiden Fällen gleich. Menschliche wie staatliche Akteure versuchen ihren Nutzen zu maximieren, indem sie Eigenschaften, Objekte, Ressourcen, Güter oder Leistungen produzieren, die im Hinblick auf die Produktion der Primärgüter von Nutzen sind (Esser 1999b: 97-102). Diese Güter werden bei Lindenberg Zwischengüter genannt, da sie zwischen den Bedingungen der sozialen Struktur und der Produktion der letzten Güter stehen (Lindenberg 1989). Dabei ist die Funktionsfähigkeit eines Zwischengutes im Hinblick auf die Produktion der letzten Güter nicht in allen Situationen gleich (Esser 1999b: 101-108). Das gleiche Zwischengut kann in verschiedenen Situationen zur Produktion von sozialer Anerkennung oder sozialer Verachtung führen. Es ist daher für die Akteure wichtig, die sozialen Regeln gut zu kennen und die Situation mit all ihren normativen Anforderungen richtig zu deuten. Nur wenn man eine den normativen Erwartungen und den situativen Gegebenheiten adäquate Definition der Situation vornimmt, wird das eigene Handeln von den anderen als angemessen interpretiert. Sprache, Symbole und weitere Formen der Kommunikation sind die zentralen Bedeutungsträger der sinnhaften Ordnung der Welt.

Mit der Definition der Zwischengüter werden auch die Wege vorgegeben, wie diese zu erwirtschaften sind (Esser 1999a: 102; Lindenberg 1993). Die sozialen Produktionsfunktionen erfüllen demnach eine Entlastungsfunktion. Sie strukturieren eine an sich unübersichtliche Welt mit nahezu unendlichen Handlungsoptionen vor und definieren typische Handlungsweisen in Form von Situationsmodellen (Kunz 1997a: 246). Diese Modelle, die für fast alle wichtigen Bereiche des sozialen Lebens vorliegen, werden von den Akteuren erlernt. Die kognitive Repräsentation dieser Modelle wird Frame genannt.

Frames vereinfachen den Entscheidungsprozess der individuellen Akteure. Ist eine angemessene Interpretation der Situation vorgenommen, werden zahlreiche Handlungen nahezu automatisch folgen. Ein aufwändiger und kostenintensiver Informations- und Abwägungsprozess ist dann nicht notwendig (Kunz 1997b: 246; Lindenberg 1993: 11 -49). Die sozialen Produktionsfunktionen sind Ausdruck des kulturellen Bezugsrahmens, innerhalb dessen die Akteure ihren Nutzen maximieren. Meistens ist es nicht möglich, die primären Zwischengüter direkt zu produzieren. Auch hier können wieder die verschiedensten Güter zur Produktion der Zwischengüter herangezogen werden (Esser 1999b: 102-108).

Konkret bedeutet dies für die Rekonstruktion des Sozialkonstruktivismus, dass man zunächst die Kernmotive staatlichen Handelns erfassen muss. Wendt unterstellt den staatlichen Akteuren folgende Ziele: das physische Überleben, ein gewisses Maß an Autonomie, wirtschaftliche Wohlfahrt und ein kollektives Selbstwertgefühl (Wendt 1999: 233-238). Für die Maximierung dieser Primärgüter müssen die Akteure etwas investieren. Sie setzen Ressourcen ein, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Jedoch lassen sich die Grundbedürfnisse nicht direkt, sondern nur über die Produktion von Zwischengütern realisieren. Zentral ist nun die Überlegung, dass die vorgegebenen Zwischengüter in Abhängigkeit von sozialen Strukturen differieren. Sie sind damit nicht für alle Akteure in allen Situationen gleich, sondern variieren kulturell. Damit werden die Zwischengüter von der Struktur der internationalen Beziehungen, den dort geltenden sozialen Regeln und den Erwartungen der anderen Staaten bestimmt. Teilweise lassen sich die Primärgüter nur über eine mehrstufige Kette von Produktionsfunktionen befriedigen, in denen die unterschiedlichsten Zwischengüter produziert werden müssen. Da die Zwischengüter kulturell definiert sind, verändern sie sich auch in Abhängigkeit von sich wandelnden sozialen Strukturen (Lindenberg 1989; 1990).

Aus dieser Perspektive stellen z.B. das Bemühen Deutschlands um friedliche Beziehungen zu Frankreich sowie die transatlantische Freundschaft Zwischengüter dar, die zur Maximierung der Primärgüter wirtschaftliche Wohlfahrt und kollektives Selbstwertgefühl beitragen. Der soziale Kontext, vor dem diese Zwischengüter ihren Sinn bekommen, umfasst die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, die sozialen Erwartungen Frankreichs und des internationalen Umfeldes. Deutschland versuchte durch sein kooperatives Verhalten gegenüber den Nachbarstaaten diesen Erwartungen zu entsprechen (Schuker 2000; Uterwedde 1998). Die Zwischengüter sind deshalb als Reaktion auf die sozialen Strukturen zu sehen, denen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt war.

Aber auch diese Zwischengüter werden nicht unmittelbar produziert. Damit lassen sich z.B. die Entwicklung eines Schüleraustauschprogramms zwischen Deutschland und Frankreich oder den USA, die Einrichtung von Kulturhäusern in anderen Ländern, der Ausbau von kulturellen transnationalen Veranstaltungsreihen, regelmäßige offizielle und inoffizielle Treffen von Regierungsvertretern/-innen auf den verschiedensten Ebenen usw. als indirekte Zwischengüter interpretieren, die zur Produktion des primären Zwischengutes friedliche Beziehungen zu den Staaten der westlichen Welt beitragen. Dieses Zwischengut wiederum ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der sozialen Struktur nach dem Ende des Kalten Krieges und den Primärgütern physisches Überleben, gewisses Maß an Autonomie, wirtschaftliche Wohlfahrt und kollektives Selbstwertgefühl.

Die hier skizzierten Ideen können nun zur Konstruktion von Brückenhypothesen herangezogen werden. Es sollen typische, von der Struktur der internationalen Beziehungen vordefinierte Produktionswege für Primärziele aufgezeigt werden, um so eine theoriegestützte Konstruktion der Definition der Situation für typische Handlungssituationen in den internationalen Beziehungen herzuleiten. »Soziale Produktionsfunktionen lassen sich damit als eine Art positive Heuristik für die Generierung bedeutsamer Nutzenargumente interpretieren« (Kunz 2004: 115). Das bedeutet, dass an eine spezifische Situationsdeutung seitens eines Akteurs zugleich ein Handlungsprogramm gekoppelt ist, das von den sozialen Bezugsgruppen als sinnvoll für solche Situationen angesehen wird.

Überträgt man diese Argumentation nun auf die drei sozialen Strukturen in den internationalen Beziehungen, auf die Wendt selbst in seinem Werk Bezug nimmt, so lässt sich für jede dieser Strukturen eine eigene Brückenhypothese formulieren. Die Hobbessche Struktur legt eine Definition der Situation nahe, in der Staaten sich als Feinde betrachten müssen und Kooperation zwischen Staaten nicht möglich ist. In der Lockeschen Struktur sehen sich Staaten als Rivalen und kooperieren, wenn sie dabei einen materiellen Nutzengewinn haben. Im Rahmen der Kantianischen Struktur regulieren Staaten ihre Konflikte friedlich, bauen ihre Handelsbeziehungen aus und bemühen sich um kooperative Beziehungen zu den anderen Staaten (Wendt 1999: 297-312).

Soziales Lernen bedeutet in diesem Fall die kulturell definierten Produktionswege für die Produktion der Primärgüter zu erlernen und sich diese als Automatismen anzueignen, um möglichst ohne große Such- und Informationskosten den eigenen Nutzen zu maximieren. Das Konzept sozialer Produktionsfunktionen erlaubt es, diese Fragen in der Terminologie des ökonomischen Forschungsprogramms zu thematisieren.

9.  Ein integratives Theoriemodell der Internationalen Beziehungen?

Durch die Rekonstruktion der Theorien im Rahmen des Strukturindividualistischen Erklärungsmodells wurden die Theorien der Internationalen Beziehungen in eine einheitliche Theoriesprache übersetzt. Dabei ist es in der Forschung strittig, welche Metasprache für einen Integrationsversuch verwendet werden sollte. Beispielsweise unternimmt Risse einen Integrationsversuch, indem er auf der Metaebene den Mechanismus des soziologischen Forschungsprogramms verwendet (Risse 2003: 123). Notwendig wird damit die Identifikation solcher Situationen, in denen strategischinstrumentelles Handeln normativ gefordert ist. Andere Autoren sehen die Theorien stärker in einem Komplementärverhältnis und begreifen die jeweils andere Theoriegruppe als Anschlusstheorien, die die offenen Fragen der eigenen Theorien beantworten hilft (vgl. exemplarisch Jupille et al. 2003: 19-28).18 Problematisch erscheint an diesen Integrationsversuchen, dass eine Integration eine Übersetzungsleistung in eine Metasprache verlangt, die in diesen Fällen höchstens angedeutet, jedoch nicht systematisch durchgeführt wurde. Diese Übersetzung steht jedoch im Mittelpunkt dieses Aufsatzes.

Durch die Reformulierung der ausgewählten Theorien in der Sprache des ökonomischen Forschungsprogramms konnten die spezifischen Kern- und Zusatzannahmen der Theorien aufgezeigt werden. Auf dieser Grundlage lässt sich nun beurteilen, in welchem Verhältnis die Theorien zueinander stehen: Die untersuchten Theorien teilen den Kern des ökonomischen Forschungsprogramms. Somit finden bei Handlungswahlen der Akteure sowohl die Wünsche und Motive als auch Restriktionen Berücksichtigung. Jede der Theorien fügt dem Kern des ökonomischen Forschungsprogramms eine Reihe weiterer Annahmen hinzu. Die Theorien stellen damit jeweils eigene Theoriemodelle des ökonomischen Forschungsprogramms dar. Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich hinsichtlich der Frage, wer die relevanten Akteure sind und was das Handeln der Akteure erklärt. Häufig liegen die Ursachen für die unterschiedlichen Handlungsorientierungen der Akteure in den verschiedenen Theoriemodellen in unterschiedlichen Annahmen hinsichtlich der Struktur der internationalen Beziehungen begründet. Aus diesen werden mögliche Motive oder Restriktionen abgeleitet, die im Rahmen der jeweiligen Theorie als relevant erachtet werden. So soll z.B. die anarchische Struktur der internationalen Beziehungen zu einer Fokussierung auf Macht- und Sicherheitsaspekte führen oder die interdependente Struktur wird als Anreiz für die wirtschaftliche Zusammenarbeit auf der internationalen Ebene interpretiert. Aber diese Zusatzannahmen sind keineswegs ein notwendiger Bestandteil des ökonomischen Forschungsprogramms, sondern stellen empirische Hypothesen über Merkmale und Strukturwirkungen der internationalen Staatenwelt dar. Ergänzt man den theoretischen Kern mit diesen weiteren theoretischen Zusatzannahmen erhält man Modellspezifikationen für typische Handlungssituationen der internationalen Beziehungen.

Nimmt man diese Perspektive auf die Theorien der Internationalen Beziehungen ein, hat das Konsequenzen für den Umgang mit den besprochenen Theorien: Beispielsweise kann der Neorealismus nicht falsifiziert werden, indem man zeigt, dass die Struktur der internationalen Beziehungen nicht anarchisch ist oder die Akteure keine Machtinteressen verfolgen. Stattdessen bedeutet eine solche Feststellung lediglich, dass die vorliegende empirische Situation nicht erlaubt, den Neorealismus anzuwenden. Schließlich ist der zu untersuchende Fall kein Element der Menge der intendierten Anwendungen des Neorealismus. Alternativ sollte ein anderes Theoriemodell des ökonomischen Forschungsprogramms zur Anwendung kommen oder konstruiert werden. Hier gilt es, sorgfältig die empirischen Randbedingungen zu erheben, um nicht vorschnell fehlerhafte Annahmen über die relevanten Akteure (Staaten, Internationale Organisationen, nichtstaatliche Akteure etc.), die internationale Struktur (anarchisch, interdependent etc.) oder staatliche Handlungsmotive (Wohlfahrt, Macht etc.) zu unterstellen. Die theoretische Auseinandersetzung in den Internationalen Beziehungen sollte sich zukünftig verstärkt darum bemühen, die Bedingungen herauszuarbeiten, unter denen ausgewählte Zusatzannahmen sinnvollerweise zur Anwendung kommen sollten (vgl. etwa Hasenclever et al. 2000; 2002).

Auf dieser Grundlage kann nun zur Ausgangsfrage zurückgegangen werden. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem Verhältnis der Theorien zueinander und nach den Anwendungsbedingungen derselben. Durch die Übersetzung der Theorien in das Strukturindividualistische Erklärungsmodell konnten die theoretischen Basisannahmen der Internationalen Beziehungen herausgearbeitet werden. Diese lassen sich durch den Kern des ökonomischen Forschungsprogramms zusammenfassen. Die Annahmen können je nach Bedarf durch spezielle Zusatzannahmen situationsgerecht angereichert werden. Die etablierten Theorien der Internationalen Beziehungen stellen dafür ein Reservoir an bewährten Zusatzannahmen zur Verfügung, auf das für die Analyse internationaler Problemkonstellationen zurückgegriffen werden kann. Je nach empirisch zu unterstellender sozialer Situation greift man auf das eine oder andere Theoriemodell der Internationalen Beziehungen zurück. Die Grafik veranschaulicht abstrakt die grundsätzliche Idee des wechselseitigen Verhältnisses von Theoriemodellen und intendierten Anwendungen. Auch wenn hier im Einzelnen keine Zuweisung einzelner Kooperations- und Konfliktfälle zu Theorien vorgenommen, sondern dies hier nur illustriert wird, sollte genau diese Zuweisung Gegenstand eines konstruktiven Dialogs zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Theorien der Internationalen Beziehungen sein.

Im Einzelnen kann es dabei durchaus möglich sein, in einer Metatheorie Geltungsbedingungen von Brückenhypothesen zu formulieren (vgl. etwa Hasenclever et al. 2002). Häufig werden sich diese Fragen jedoch nicht theoretisch, sondern nur empirisch klären lassen (Opp 1986b). Auch beschreiben die gängigen Theorien nicht alle empirisch möglichen Situationskonstellationen. Sie stellen jedoch im Forschungskontext bewährte Strukturannahmen und Brückenhypothesen dar, auf die zunächst aus forschungspragmatischen Gründen zurückgegriffen werden sollte. Trotzdem gilt es bei der Anwendung der Theorien sorgfältig zu prüfen, welche Veränderungen an den Zusatzannahmen notwendig sind. Insbesondere die Frage, welche Akteure mit welchen Handlungsmotiven bei der Untersuchung zu berücksichtigen sind, kann sicherlich nicht ohne empirisches Wissen über das zu untersuchende Politikfeld beantwortet werden. Insbesondere die restriktiven Annahmen hinsichtlich der Qualität nichtstaatlicher Akteure erscheinen hier äußerst problematisch. Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, den Status von Zusatzannahmen in Erinnerung zu rufen. Diese sind so zu modifizieren, dass eine Anwendung des ökonomischen Theoriemodells auf den zu untersuchenden Sachverhalt ermöglicht wird. Diese Veränderungen sind notwendig und methodologisch zu begrüßen. Sie stellen keinen Immunisierungsversuch dar. Sie sollten auch nicht als degenerative Problemverschiebung im Sinne von Lakatos interpretiert werden, solange durch Veränderung der Zusatzannahmen neue Sachverhalte erklärt werden können.

10.  Schlussbemerkung

Für ausgewählte Theorien der Internationalen Beziehungen wurden Rekonstruktionen in der Terminologie des ökonomischen Forschungsprogramms vorgeschlagen. Diese Übersetzungen waren möglich, da die Theorien implizit auf zentrale Annahmen des ökonomischen Forschungsprogramms zurückgreifen. Diese theoretischen Annahmen, die sich in den untersuchten Theorien wiederfinden, sind die drei Kernannahmen des ökonomischen Forschungsprogramms. Die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Forschungsprogramm ist aus methodologischer Perspektive eine Voraussetzung für gelingende Kommunikation zwischen Wissenschaftlern/-innen unterschiedlicher Theorien.

Trotzdem ist der hier präsentierte Rekonstruktionsvorschlag problematisch: Neben den durchgeführten ökonomischen Rekonstruktionen der Theorien sind alternative Übersetzungen möglich. Ein endgültiges Kriterium zur Bestimmung der Frage, welche Rekonstruktion (bzw. Übersetzung) angemessen ist, existiert nicht (Quine 1998: 13 5-147).19 Daher muss man der These nicht folgen, dass der Sozialkonstruktivismus nach Wendt als ökonomisches Theoriemodell zu verstehen ist. Die Frage der angemessenen Übersetzung ist eine pragmatische Entscheidung. Daher ist es im Sinne einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung notwendig, die Entscheidungskriterien für die Wahl einer spezifischen Übersetzung offen zu legen.

Im Mittelpunkt der durchgeführten Untersuchung steht der Versuch, eine praktikable Umgangsweise mit der Theorienvielfalt der Internationalen Beziehungen zu finden und metatheoretisch zu fundieren. Theorienvielfalt ist in methodologischer Perspektive unproblematisch, wenn die Theorien den gleichen Kern teilen. In diesem Fall ist Kommunikation zwischen Vertretern und Vertreterinnen unterschiedlicher Theorien problemlos möglich. Die vorgeschlagenen Rekonstruktionen sind vor diesem Hintergrund zu bewerten. Die hier präsentierten Rekonstruktionen sollen einen produktiven Umgang mit der Vielfalt der Theorien der Internationalen Beziehungen ermöglichen und legitimieren. Gleichzeitig legen sie die Grenzen offen, die einem konstruktiven Dialog entgegenstehen.

Folgt man den vorgeschlagenen Rekonstruktionen nicht, bieten sich zwei Strategien an, um die angebotene Argumentation zu entkräften: Erstens könnte man bestreiten, dass die Vielfalt der Theorien der Internationalen Beziehungen ein Problem darstellt. Man könnte argumentieren, dass die Vielfalt der Theorien eine angemessene theoretische Reaktion auf die tatsächliche Vielfalt der internationalen Beziehungen darstellt. Letztlich müsste ein Vertreter oder eine Vertreterin einer solchen Position Kriterien offerieren, an denen man die Vielfalt der Internationalen Beziehungen als angemessene oder unangemessene Reaktion auf die Vielfältigkeit der Welt festmachen könnte. Solche Kriterien sind bisher nicht bekannt bzw. haben sich im Forschungsprozess nicht durchgesetzt. Eine solche Position verkennt auch den Anspruch dieses Aufsatzes. Der Integrationsvorschlag sollte nicht als Versuch einer Nivellierung der Unterschiede der untersuchten Theorien verstanden werden. Die durchgeführten Rekonstruktionen in eine einheitliche theoretische Sprache zeigen vielmehr die jeweilige theoretische Erklärungskraft und verdeutlichen die unterschiedlichen theoretischen Schwerpunktsetzungen. Erst auf dieser gemeinsamen sprachlichen Grundlage treten die theoretischen Übereinstimmungen und Unterschiede klar heraus.

Zweitens könnte man bestreiten, dass die vorgeschlagenen Rekonstruktionen angemessen sind. Es mag andere Rekonstruktionen der Theorien der Internationalen Beziehungen und damit auch konkurrierende Integrationsvorschläge geben. Diese könnten sich beispielsweise durch eine alternative Bestimmung des Kerns des ökonomischen Forschungsprogramms auszeichnen. Letztlich kann auch bei solchen Fragen nur auf methodologische Argumente zurückgegriffen werden. Beispielsweise kann hier das Kriterium der Menge der intendierten Anwendungen angeführt werden. Wenn man sich durch einen inhaltsreicheren Kern a priori auf bestimmte Präferenzklassen (z.B. Macht und Wohlfahrt) einschränkt, dann verkleinert sich damit die Menge der intendierten Anwendungen des ökonomischenForschungsprogramms. All diejenigen Handlungen sind dann kein Anwendungsfall des Forschungsprogramms mehr, die aus anderen Präferenzen ausgeübt wurden. Da die Größe des Anwendungsbereichs einer Theorie ein gängiges Qualitätsmerkmal für empirische Theorien darstellt, stellt eine solche alternative Bestimmung des Kerns eine qualitative Verschlechterung zur vorgeschlagenen Kerndefinition dar.

Folgt man dem angebotenen Integrationsvorschlag, gewinnt man die Möglichkeit des produktiven Umgangs mit der Theorienvielfalt der Internationalen Beziehungen. Durch die Öffnung des Präferenzbegriffs und die Beschränkung des Kerns auf die drei Kernannahmen ist gewährleistet, dass die Menge der intendierten Anwendungen möglichst groß ist. Aus den genannten Gründen scheint mir die vorgestellte Rekonstruktion und Integration daher ein geeigneter Ausgangspunkt für eine systematische Bestimmung der Anwendungskriterien und des Leistungsvermögens der Theorien der Internationalen Beziehungen zu sein. Die zentralen Theorien entsprechen aus dieser Perspektive einem Werkzeugkasten, aus dem man bewährte Werkzeuge wie z.B. Brückenhypothesen herausnehmen kann. Diese können dann zur Konstruktion neuer Theoriemodelle herangezogen werden. Insbesondere die Fixierung auf staatliche Akteure ist den Standardtheorien der Internationalen Beziehungen oft zum Vorwurf gemacht worden. Die Rekonstruktion hat jedoch gezeigt, dass diese Annahme keineswegs zu den geschützten Kernannahmen zu rechnen ist und im Bedarfsfall modifiziert werden kann. Dies gilt auch für die weiteren Zusatzannahmen. Diese Vorgehensweise entspricht auch einer gängigen Praxis in den Internationalen Beziehungen. Zuweilen wird diese Manier des theoriegeleiteten Arbeitens mit dem Vorwurf des Eklektizismus konfrontiert. Dies ist jedoch ungerechtfertigt, solange beispielsweise die Verwendung von Brückenhypothesen empirisch rechtfertigbar ist. Bleibt der Kern des ökonomischen Forschungsprogramms bei den Theoriespezifikationen unangetastet und werden lediglich die Zusatzannahmen modifiziert, so lässt sich diese Praxis methodologisch rechtfertigen.

Essay

Identität und Migration

Von Francis Fukuyama
08.02.2007. Moderne liberale Gesellschaften haben schwache kollektive Identitäten. Postmoderne Eliten, besonders in Europa, glauben heute, dass ihre Identitäten nicht mehr länger von Religon und Nation bestimmt werden. Aber wenn unsere Gesellschaften nicht offensiv liberale Werte vertreten, können sie von Migranten in Frage gestellt werden, die genauer wissen, wer sie sind.

Moderne Identitätspolitik entspringt aus einer Lücke in der den liberalen Demokratien zugrunde liegenden politischen Theorie. Diese Lücke ist das Schweigen des Liberalismus über den Platz und die Bedeutung von Gruppen. Die Linie der modernen politischen Theorie, die bei Machiavelli beginnt und sich mit Hobbes, Locke, Rousseau und den amerikanischen Gründervätern fortsetzt, versteht die Frage der politischen Freiheit als eine, die den Staat gegen Individuen stellt, nicht gegen Gruppen. Hobbes und Locke zum Beispiel meinten, dass Menschen im Naturzustand als Individuen Naturrechte besitzen - Rechte, die nur durch einen Gesellschaftsvertrag gesichert werden können, der verhindert, dass ein Individuum bei der Verfolgung seiner Eigeninteressen die Rechte eines anderen verletzt.

Der moderne Liberalismus entstand nicht zuletzt als Reaktion auf die Religionskriege, die in Europa nach der Reformation wüteten. Der Liberalismus entwickelte das Prinzip der religiösen Toleranz - die Idee, dass die Verfolgung religiöser Absichten in der Öffentlichkeit die Freiheit anderer Sekten oder Kirchen nicht einschränken dürfe. (Wie wir gleich sehen werden, ist die Trennung von Kirche und Staat in vielen modernen europäischen Demokratien in Wahrheit nie vollständig gelungen.) Aber während der moderne Liberalismus klar das Prinzip durchgesetzt hat, dass der Staat seine Macht nicht dazu nutzen darf, Individuen religiöse Überzeugungen aufzuzwingen, hat er die Frage nicht beantwortet, ob individuelle Freiheit nicht mit dem Recht, eine bestimmte religiöse Tradition aufrechtzuerhalten in Konflikt geraten kann. Die amerikanischen Gründerväter haben die Freiheit kultureller, religiöser oder ethnischer Gruppen, ihre Gruppenidentität zu schützen, nicht als vordringliches Problem angesehen, vielleicht weil die neuen Siedler relativ homogen waren. Mit den Worten von John Jay (im zweiten der Federalist Papers): "Ein Volk, das von denselben Vorfahren abstammt, dieselbe Sprache spricht, sich zur selben Religion bekennt und denselben Prinzipien anhängt."

Eine wirkliche Identitätspolitik entwickelte sich im Westen erst mit der Reformation. Martin Luther vertrat die Ansicht, dass Erlösung nur durch die innere Herzensgesinnung erreicht werden kann und griff die katholische Betonung der Werke an - also der rein äußerlichen Befolgung sozialer Verhaltensregeln. Die Reformation begriff wahre Religiosität als den subjektiven Zustand eines Individuums und löste so die innere Identität vom äußeren Verhalten.

Es lohnt zu lesen, was der kanadische PhilosophCharles Taylor über die sich an die Reformation anschließende historische Entwicklung von Identitätspolitik geschrieben hat. Rousseau schrieb im "Zweiten Discours" und den "Spaziergängen", es gebe eine tiefe Kluft zwischen unserem äußeren Selbst als einer Ablagerung von sozialen Sitten und Gebräuchen und unserer wahren inneren Natur. Das Glück liegt dann in der Wiederentdeckung der inneren Authentizität. Diese Idee hatte Johann Gottfried Herderentwickelt, der meinte, innere Authentizität liege nicht nur in Individuen, sondern auch in Völkern, in der Rückgewinnung dessen, was wir heute Volkskultur nennen. In Taylors Worten: "Das ist die mächtige Idee, die uns überliefert worden ist. Moralisch ausgezeichnet wird dabei eine Art Kontakt mit mir selbst, mit meiner inneren Natur, ein Kontakt, der ständig (...) durch sozialen Konformitätsdruck verloren zu gehen droht."

Die Kluft zwischen dem inneren und äußeren Selbst stammt nicht einfach aus dem Reich der Ideen, sondern aus der sozialen Realität moderner Marktdemokratien. Nach der amerikanischen und französischen Revolution wurde das Ideal der carriere ouverte aux talents zur Wirklichkeit, indem traditionelle Hindernisse für den sozialen Aufstieg beseitigt wurden. Sozialer Status wird jetzt erlangt und nicht mehr zugemessen; er verdankt sich Talent, Arbeit und Anstrengung und nicht mehr in erster Linie dem Zufall der Geburt. Das eigene Leben wird auf selbst gesteckte Ziele ausgerichtet und nicht mehr in erster Linie von den Erwartungen von Eltern, Sippe, Dorf oder Priester bestimmt.

Taylor hebt hervor, dass moderne Identität von Natur aus politisch ist, weil sie Anerkennung verlangt. Die Vorstellung, dass moderne Politik auf dem Prinzip universeller Anerkennung basiert, stammt von Hegel. Doch scheint es zunehmend so, dass universelle Anerkennung, die auf einer von allen Individuen geteilten Menschlichkeit basiert, nicht genug ist, vor allem aus der Perspektive all der Gruppen, die in der Vergangenheit diskriminiert wurden. Folglich dreht sich moderne Identitätspolitik um die Forderungen nach Anerkennung von Gruppenidentitäten - das heißt, öffentliche Bestätigung der gleichberechtigten Würde früher marginalisierter Gruppen, von den Bewohnern der frankophonen Provinz Quebec über Afroamerikaner, Frauen, indigene Völker bis zu Homosexuellen.

Es ist kein Zufall, dass Charles Taylor Kanadier ist, da der heutige Multikulturalismus und die aktuelle Identitätspolitik in mehr als einer Hinsicht in Kanada ihren Ursprung haben, und zwar in der Forderung der frankophonen Gemeinschaft nach Anerkennung ihrer Rechte. Das Gesetz 101 von 1977 bricht mit dem liberalen Prinzip der Gleichheit aller Individuen vor dem Gesetz: Französischsprachige genießen sprachliche Rechte, die Englischsprachige nicht haben. Quebec wurde 1995 als "eigenständige Gesellschaft" und 2006 als "Nation" anerkannt.

Multikulturalismus, verstanden nicht nur als Toleranz gegenüber kultureller Verschiedenartigkeit, sondern als Forderung nach legaler Anerkennung der Rechte von rassischen, religiösen oder kulturellen Gruppen, hat sich inzwischen in fast allen modernen liberalen Demokratien durchgesetzt. Die politischen Kämpfe in den USA sind seit einer Generation bestimmt von Kontroversen über die Förderung von Afroamerikanern ("affirmative action"), Zweisprachigkeit und Homosexuellenehe. Ausgelöst wurden diese Diskussionen von früher marginalisierten Gruppen, die die Anerkennung nicht nur ihrer Rechte als Individuen, sondern ihrer Rechte als Mitglieder einer Gruppe fordern. Die auf John Locke zurückgehende US-Tradition mit ihrer Betonung individueller Rechte hat zu außerordentlich kontrovers geführten Auseinandersetzungen um die Durchsetzung von Gruppenrechten geführt - viel stärker als im modernen Europa.

Die radikalislamistische Ideologie, die den Terrorattacken des letzten Jahrzehnts zugrunde liegt, müssen wir sehr viel eher als Manifestation moderner Identitätspolitik denn traditioneller muslimischer Kultur begreifen. Als solche ist sie uns von früheren politischen Bewegungen her vertraut. Die Tatsache, dass sie modern ist, macht sie nicht weniger gefährlich, hilft aber dabei, das Problem und mögliche Lösungen genauer in den Blick zu bekommen.

Das Argument, der zeitgenössische radikale Islamismus sei eine Form der Identitätspolitik, hat am nachdrücklichsten der französischen WissenschaftlerOlivier Roy in seinem 2004 erschienenen Buch "Der islamische Weg nach Westen" vorgebracht. Für Roy ist die Wurzel des radikalen Islamismus nicht kulturell, das heißt, sie ist kein Nebenprodukt von etwas, das dem Islam oder der von ihm hervorgebrachten Kultur inhärent wäre. Im Gegenteil, so Roy, sei der radikale Islamismus entstanden, weil erst die "Deterritorialisierung" des Islam die Frage der muslimischen Identität aufgeworfen hat.

In traditionellen muslimischen Gesellschaften stellt sich die Identitätsfrage so wenig wie in traditionellen christlichen Gesellschaften. In einer traditionellen muslimischen Gesellschaft wird die individuelle Identität von den Eltern und dem sozialen Umfeld bestimmt. Alles - vom Stamm und der Sippe über den örtlichen Imam bis zur politischen Struktur des Staates - verankert die eigene Identität in einem bestimmten Zweig des islamischen Glaubens. Das ist keine Frage der Wahl. Wie der Judaismus ist der Islam eine hoch legalistische Religion. Das bedeutet, religiöser Glaube besteht aus Konformität mit einem Satz festgelegter sozialer Regeln. Diese Regeln sind in starkem Maß geprägt durch lokale Traditionen, Sitten, Heilige und Praktiken. Traditionelle Religiosität ist nicht universalistisch, der universalistischen Doktrin des Islam zum Trotz.

Für Roy wird Identität genau dann zum Problem, wenn Muslime ihre traditionellen muslimischen Gesellschaften verlassen und zum Beispiel nach Westeuropa emigrieren. Die eigene Identität als Muslim wird nicht länger von der umgebenden Gesellschaft unterstützt; im Gegenteil gibt es einen starken Druck, sich den herrschenden kulturellen Normen des Westens anzupassen. Die Frage der Authentizität stellt sich für den Einzelnen, wie sie das in einer traditionellen Gesellschaft nie getan hat, denn jetzt gibt es eine Kluft zwischen der inneren Identität als Muslim und dem Verhalten gegenüber der Gesellschaft. Das erklärt die ständigen Fragen, an die Imame auf islamischen Websites, was haram (verboten) oder halal (erlaubt) sei. In Saudi-Arabien stellt sich die Frage, ob es haram ist, die Hand einer Professorin zu schütteln, gar nicht, denn diese soziale Kategorie existiert dort kaum.

Radikaler Islamismus und Dschihadismus sind Reaktionen auf die Identitätssuche von im Westen lebenden Muslimen. Diese Ideologien haben auf die von einem jungen Muslim in Holland oder Frankreich gestellte Frage "Wer bin ich?" eine Antwort: Du bist ein Mitglied der weltweiten Umma, und damit Anhänger einer von allen lokalen Bräuchen, Heiligen und Traditionen gereinigten universellen islamischen Doktrin. Muslimische Identität wird zu einer Frage des inneren Glaubens statt der äußeren Befolgung sozialer Praktiken. Roy sieht hier eine "Protestantisierung" des muslimischen Glaubens, da nun ein dem sichtbaren Verhalten widersprechender subjektiver Zustand die Erlösung verspricht. Darum konnten Mohammed Atta und einige andere der Verschwörer vom 11. September in den Tagen vor den Anschlägen angeblich Alkohol trinken und einen Strip-Club besuchen.

Versteht man den radikalen Islamismus als eine Form der Identitätspolitik, erklärt das auch, warum sich ihm europäische Muslime der zweiten und dritten Generation zuwenden. Die Immigranten der ersten Generation haben in der Regel psychologisch nicht mit der Kultur ihres Geburtslandes gebrochen. Sie nehmen ihre traditionellen Gebräuche mit in ihre neue Heimat. Ihre Kinder dagegen verachten oft die Religiosität ihrer Eltern, zugleich sind sie noch nicht in die Kultur der neuen Gesellschaft integriert. Sie stecken zwischen zwei Kulturen fest, mit denen sie sich nicht identifizieren können. Darum übt die universalistische Ideologie des gegenwärtigen Dschihadismus auf sie einen starken Reiz aus.

Olivier Roy übertreibt sicherlich, wenn er den radikalen Islamismus in erster Linie als europäisches Phänomen betrachtet. So gibt es eine Reihe anderer Quellen für radikale Ideologien aus dem Mittleren Osten. Saudi-Arabien, Pakistan, Iran und Afghanistan sind allesamt Exporteure radikalislamistischer Ideologien, der Irak wird womöglich dazu werden. Aber sogar für muslimische Ländern bleibt Roys Analyse wertvoll, denn auch hier führt der Import der Moderne zu Identitätskrisen und zu Radikalisierung. Die durch Technologie und die Beseitigung ökonomischer Barrieren vorangetriebene Globalisierung hat die Grenzen zwischen der entwickelten Welt und traditionellen muslimischen Gesellschaften verwischt. Es ist kein Zufall, dass so viele von denen, die die jüngsten Anschläge geplant und ausgeführt haben, in Europa radikalisierte europäische Muslime waren oder aus jenen privilegierten Schichten der islamischen Gesellschaften stammen, die Kontakte zum Westen hatten. Mohammed Atta und die anderen Organisatoren der Anschläge vom 11. September gehören ebenso in diese Kategorie wie Mohammed Bouyeri (der Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh), die Bombenleger vom 11. März in Madrid, vom 7. Juli in London und die britischen Muslime, denen vorgeworfen wird, letzten Sommer einen Anschlag auf ein Flugzeug geplant zu haben. Man sollte auch nicht übersehen, dass die Führer von Al Qaida, Osama bin Laden und Ayman Al-Zawahiri beide gebildete Männer sind, mit Kenntnis der und Zugang zur modernen Welt.

Wenn man den zeitgenössischen radikalen Islamismus als ein Produkt von Identitätspolitik und damit als modernes Phänomen versteht, folgt daraus zweierlei: Erstens, dass er kein völlig neues Phänomen ist, denn wir kennen Ähnliches von den extremistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts, von all den jungen Leuten, die Anarchisten, Bolschewiken, Faschisten oder Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe wurden. Fritz Stern, Ernest Gellner und andere haben gezeigt, dass die Modernisierung und der Übergang von der Gemeinschaft zur Gesellschaft von Unzähligen in unterschiedlichen Gesellschaften als intensiver Entfremdungsprozess erlebt worden ist. Jetzt sind die jungen Muslime an der Reihe, diese Erfahrung zu machen. Ob es spezifische Eigenschaften des Islam gibt, die die Radkalisierung begünstigen, ist eine offene Frage. Seit dem 11. September hat sich eine kleine Industrie entwickelt, die beweisen will, dass Gewalt und sogar Selbstmordanschläge tiefe Wurzeln im Koran oder der muslimischen Geschichte haben. Dabei lässt sich kaum übersehen, dass muslimische Gesellschaften in der Geschichte oft toleranter waren als ihre christlichen Kontrahenten. Der jüdische Philosoph Maimonides wurde im muslimischen Cordoba geboren, einem bunten Zentrum der Kultur und des Wissens. Bagdad hat für Generationen eine der größten jüdischen Gemeinden der Welt beherbergt. Es ist ebenso sinnlos, den radikalen Islamismus als unvermeidlichen Auswuchs des Islam anzusehen wie den Faschismus als Ergebnis des jahrhundertelang dominierenden europäischen Christentums.

Zweitens: Das Problem des islamistischen Terrors wird nicht gelöst, indem man Modernisierung und Demokratie in den Mittleren Osten bringt. Der Glaube der Bush-Regierung, dass der Terrorismus sich einem Demokratiemangel verdankt, übersieht, dass so viele Terroristen in demokratischen europäischen Ländern radikalisiert wurden. Natürlich ist gegen Modernisierung und Demokratie nichts einzuwenden, aber in der muslimischen Welt würden sie das Terrorproblem zunächst wahrscheinlich vergrößern und nicht eindämmen.

Moderne liberale Gesellschaften in Europa und Nordamerika haben eine eher schwach ausgeprägte Identität; viele sind stolz auf ihren eigenen Pluralismus und Multikulturalismus, was aber nichts anderes heißt, als dass ihre Identität darin besteht, keine Identität zu haben. Freilich lassen sich nationale Identitäten auch in den liberalen Demokratien von heute nicht einfach wegdiskutieren. Sie existieren nach wie vor, wenn auch in Nordamerika und Europa in unterschiedlicher Ausprägung. Das erklärt aber auch, warum die Integration von Muslimen in Ländern wie den Niederlanden, Frankreich und Deutschland so schwierig ist.

Der jüngst verstorbene Seymour Martin Lipset hat die amerikanische Identität als von Natur aus politisch beschrieben und immer die Entstehung der USA aus einer Revolution gegen die Autorität des Staates betont. Das amerikanische Glaubensbekenntnis basiert auf fünf Grundwerten: Gleichheit (verstanden als Gleichheit der Ausgangsbedingungen, nicht des Endergebnisses), Freiheit (oder Ablehnung von staatlichem Dirigismus), Individualismus (in dem Sinne, dass Individuen ihre soziale Stellung selbst bestimmen können), Populismus und Laissez-faire. Weil es sich dabei um politische wie gesellschaftliche Werte handelt, waren sie der Theorie nach (jedenfalls nach der Abschaffung der Sklaverei) allen Amerikanern erreichbar und konnten sich so bemerkenswert lange halten. Robert Bellah beschrieb diese Grundlagen als "Zivilreligion" der USA, aber es ist eine Kirche, die allen Neuankömmlingen offen steht.

Es kommt dazu, dass die amerikanische Identität in unterschiedlichen ethnischen Traditionen verwurzelt ist, vor allem in der von Samuel Huntington sogenannten dominierenden "anglo-protestantischen" Kultur. Auch Lipset hielt die sektiererischen protestantischen Traditionen der britischen Siedler für außerordentlich wichtig im Prozess der Entstehung der amerikanischen Kultur. Die berühmte protestantische Arbeitsethik, die amerikanische Vorliebe für freiwillige Zusammenschlüsse und der Moralismus der amerikanischen Politik sind alles Nebenprodukte dieses anglo-protestantischen Erbes.

Zwar wurzeln Schlüsselaspekte der amerikanischen Kultur in europäischen kulturellen Traditionen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatten sie sich jedoch von ihren ethnischen Ursprüngen abgelöst und wurden von den Heerscharen neuer Amerikaner praktiziert: Amerikaner arbeiten härter als Europäer und tendieren - wie Webers frühe Protestanten - zu der Überzeugung, dass Würde eher in der moralisch befreienden Wirkung von Arbeit als in der Solidarität des Wohlfahrtsstaates zu finden ist.

Es gibt natürlich viele eher unerfreulich Aspekte der amerikanischen Kultur von heute. Anspruchsdenken, Konsumismus, Hollywoods Vorliebe für Sex und Gewalt und die Gangkultur der Unterklasse, die die USA nach Zentral-Amerika re-exportiert haben - all das sind unverwechselbare Aspekte der amerikanischen Kultur, die von Teilen der Immigranten geteilt werden. Lipset hielt den amerikanische Exzeptionalismus für ein zweischneidiges Schwert: derselbe anti-dirigistische Individualismus, der Amerikaner zu eifrigen Unternehmern macht, macht sie auch weniger gesetzestreu als die Europäer.

In Europa wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit großer Hingabe versucht, eine "postnationale" europäische Identität zu schaffen. Aber trotz aller Fortschritte auf dem Weg zu einer starken EU bleibt die europäische Identität eher eine Kopf- als eine Herzenssache. Es gibt zwar eine schmale Schicht mobiler, kosmopolitischer Europäer, doch nur wenige begreifen sich in erster Linie als Europäer oder fühlen Stolz, wenn die europäische Hymne gespielt wird. Mit ihrer Ablehnung der europäischen Verfassung in Frankreich und den Niederlanden 2005 haben die normalen Bürger den Eliten mal wieder klargemacht, dass sie nicht bereit sind, den Nationalstaat und ihre Souveränität aufzugeben.

Aber auch ihre nationale Identität betrachten viele Europäer mit zwiespältigen Gefühlen. Die prägende Erfahrung für das heutige europäische Bewusstsein sind die zwei Weltkriege, deren Ursache die Europäer in der Regel im Nationalismus sehen. Dennoch bestehen Europas alte nationale Identitäten fort. Die Menschen haben noch immer ein starkes Gefühl dafür, was es bedeutet, Brite, Franzose, Niederländer oder Italiener zu sein, auch wenn es nicht als politisch korrekt gilt, sich zu lautstark zu diesen Identitäten zu bekennen. Und die nationalen Identitäten in Europa sind, verglichen mit denen in Amerika, stark an Ethnizität gebunden. Während also alle europäischen Länder dieselbe Bindung an die formale und politische Seite der mit der Staatsbürgerschaft verbundenen Gleichheit haben wie die USA, ist es aufgrund der fortdauernden Kraft ethnischer Zugehörigkeiten schwieriger, das in eine gefühlte Gleichheit der Staatsbürgerschaft zu verwandeln.

Die Niederländer zum Beispiel sind berühmt für ihren Pluralismus und ihre Toleranz. Was das Verhalten in den eigenen vier Wänden angeht, sind die Holländer aber durchaus konservativ. Die niederländische Gesellschaft war immer multikulturell, ohne assimilierend zu sein. Das passt gut zu einer traditionell viele von einander getrennte soziale Gruppen - Protestanten, Katholiken und Sozialisten - vereinenden Gesellschaft. In ähnlicher Weise sehen die meisten anderen europäischen Länder den Multikulturalismus eher als einen Rahmen für die Koexistenz separater Kulturen, statt ihn als einen Übergangsmechanismus zur Integration von Neuankömmlingen in eine dominierende Kultur zu begreifen (Amartya Sen nannte das "pluralen Monokulturalismus"). Viele Europäer sind skeptisch, ob muslimische Immigranten sich wirklich einfügen wollen; und die, die es tun, werden keineswegs mit offenen Armen empfangen, selbst wenn sie sich das sprachliche und kulturelle Wissen der Gastgesellschaft aneignen.

Es ist wichtig, die Unterschiede zwischen den USA und Europa in dieser Hinsicht nicht zu übertreiben. Die Europäer beharren darauf, und zwar mit einigem Recht, dass sie ein größeres Problem mit der Integration ihrer Immigranten haben - deren Mehrheit jetzt muslimisch ist - als die USA. Europas muslimische Immigranten kommen oft aus ziemlich traditionellen Gesellschaften, während der größte Teil der Neuankömmlinge in den USA Hispanics sind, die das christliche Erbe der herrschenden Kultur teilen. (Auch Zahlen spielen eine Rolle: Es gibt in den USA, einem Land mit fast 300 Millionen Einwohnern, zwischen zwei und drei Millionen Muslime. Wäre dieser muslimische Bevölkerungsanteil proportional so groß wie in Frankreich, wären es über 20 Millionen.)

Was auch immer seine genauen Gründe sind, Europas Versagen bei der Integration der Muslime ist eine tickende Zeitbombe, die bereits zum Terrorismus beigetragen hat. Das Erstarken populistischer Gruppen wird nicht ausbleiben, und womöglich gefährdet dieses Versagen sogar die europäische Demokratie als ganze. Bei der Lösung des Problems wird man doppelt ansetzen müssen, beim Verhalten der einwandernden Minderheiten und ihrer Nachkommen ebenso wie bei den Mitgliedern der dominierenden nationalen Gemeinschaften.

Auf dem Weg zu einer Lösung müssen wir erstens erkennen, dass das alte multikulturelle Modell in Ländern wie den Niederlanden und Großbritannien kein großer Erfolg gewesen ist, und dass es durch größere Anstrengungen, die nicht-westliche Bevölkerung in die liberale Kultur zu integrieren, ersetzt werden muss. Das alte multikulturelle Modell basierte auf Gruppenanerkennung und Gruppenrechten. Aus einem falsch verstandenen Respekt für kulturelle Unterschiede - und manchmal wegen alter imperialer Schuldgefühle - überließ es den kulturellen Gemeinschaften zu viel Spielraum, Verhaltensregeln für ihre Mitglieder zu definieren. Liberalismus kann letztlich nicht auf Gruppenrechten basieren, denn nicht alle Gruppen halten liberale Werte hoch. Die Zivilisation der europäischen Aufklärung, deren Erbe die zeitgenössische liberale Demokratie ist, kann nicht kulturell neutral sein, denn liberale Gesellschaften haben ihre eigenen Prinzipien, zu denen Wert und Würde jedes Einzelnen gehören. Kulturen, die diese Prämissen nicht akzeptieren, verdienen in einer liberalen Demokratie nicht den gleichen Schutz wie andere. Mitglieder von Immigrantengemeinschaften und ihre Nachkommen verdienen es, gleichfalls als Individuen behandelt zu werden, nicht als Mitglieder einer kulturellen Gemeinschaft. Es gibt keinen Grund, ein muslimisches Mädchen vor dem Gesetz anders zu behandeln als ein christliches oder jüdisches, was auch immer ihre Verwandten davon halten.

Multikulturalismus in seiner ursprünglichen kanadischen, US-amerikanischen und europäischen Fassung war in gewisser Hinsicht ein "Spiel nach dem Ende der Geschichte". Das heißt, kulturelle Unterschiede wurden als eine Art Ornament des liberalen Pluralismus begriffen. Sie sollten Gesellschaften, die man betäubend konformistisch und homogen fand, mit exotischem Essen, farbenprächtigen Kleidern und Spuren einer abweichenden historischen Tradition schmücken. Die kulturellen Unterschiede sollten dabei auf die Privatsphäre begrenzt bleiben, wo sie nicht zu ernsthaften Zusammenstößen mit individuellen Rechten anderer führen oder sonstwie die im wesentlichen liberale Gesellschaftsordnung stören konnten. Wenn sie in die öffentliche Sphäre übergriffen, wie bei der Sprachenpolitik in Quebec, empfand die herrschende Gemeinschaft die Abweichung von liberalen Prinzipien als Irritation, aber kaum als fundamentale Bedrohung der liberalen Demokratie selbst.

Im Gegensatz dazu fordern einige muslimische Gemeinden heute Gruppenrechte, die schlicht nicht vereinbar sind mit den liberalen Prinzipien individueller Gleichheit. Diese Forderungen beinhalten spezielle Ausnahmen vom Familienrecht, das für jeden anderen in der Gesellschaft gilt, sie fordern das Recht, Nicht-Muslime von bestimmten öffentlichen Veranstaltungen auszuschließen, und das Recht, die freie Rede bei Verletzung religiöser Gefühle einzuschränken (wie bei den dänischen Karikaturen). In einigen extremen Fällen haben muslimische Gemeinden sogar Anstalten gemacht, den säkularen Charakter der politischen Ordnung insgesamt in Frage zu stellen. Diese Art von Gruppenrechten schränkt ganz klar die Rechte anderer Individuen der Gesellschaft ein und verschiebt gewaltsam die kulturelle Autonomie von der Privatsphäre in die Öffentlichkeit.

Es ist in Europa viel schwieriger, Muslime aufzufordern, auf Gruppenrechte zu verzichten als in den USA, weil viele europäische Länder mit korporatistischen Traditionen immer noch die Rechte von Gemeinschaften respektieren und es fatalerweise versäumt haben, Kirche und Staat wirklich zu trennen. Die Existenz staatlich finanzierter christlicher und jüdischer Schulen in vielen europäischen Ländern macht es schwer, grundsätzlich gegen eine staatlich finanzierte religiöse Erziehung für Muslime zu argumentieren. In Deutschland zieht der Staat die Steuern für die protestantische und katholische Kirchen ein und verteilt die Staatseinnahmen an kirchliche Schulen. (Ein Erbe von Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche.) Sogar Frankreich, mit seiner starken republikanischen Tradition, war in diesem Fall nicht konsequent. Nach den Kämpfen der Französischen Revolution gegen den Klerus stellte Napoleon die Rolle der Kirche in der Erziehung wieder her und verfolgte für das Verhältnis von Kirche und Staat einen korporatistischen Ansatz. So regelt die Beziehung des Staates zur jüdischen Gemeinde Frankreichs beispielsweise der Kulturminister im Gespräch mit dem Consistoire Israelite. Dieses Verfahren diente denn auch als Vorbild für Nicolas Sarkozys aktuelle Versuche, die Position eines mit Autorität versehenen muslimischen Gesprächspartner zu schaffen, der für die französische muslimische Gemeinde sprechen (und sie kontrollieren) soll. Sogar das Gesetz von 1905, das die Prinzipien der laicite verewigte, hat Ausnahmen, zum Beispiel im Elsass, wo der Staat kirchliche Schulen unterstützt.

Bis plötzlich große muslimische Gemeinden vor der Tür standen, waren diese Inseln des Korporatismus, in denen europäische Staaten weiterhin Gruppenrechte anerkennen, nicht umstritten. Die meisten europäischen Gesellschaften sind inzwischen durch und durch säkular, so dass diese religiösen Überbleibsel harmlos erschienen. Aber jetzt sind sie wichtige Präzedenzfälle für die muslimischen Gemeinden, und stellen die klare Trennung zwischen Religion und Staat in Frage. Wenn Europa auf dem liberalen Prinzip eines Pluralismus beharren will, der auf Individual- und nicht auf Gruppenrechten basiert, muss es eine Lösung für diese überkommenen korporatistischen Institutionen finden.

Der andere Ansatz, der das Problem der Integration von Muslimen lösen helfen kann, betrifft die Erwartungen und das Verhalten der Mehrheitsgesellschaften in Europa. Nationale Identität wird noch immer in einer Art und Weise verstanden, die den Neuankömmlingen mit anderem ethnischen und religiösen Hintergrund den Zugang erschwert. Nationale Identität war immer ein soziales Konstrukt; als solches gründet sie auf Geschichte, auf Symbolen, Helden und den Geschichten, die eine Gemeinschaft über sich selbst erzählt. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Ort und einer Geschichte darf nicht weggewischt werden, aber es muss so weit wie wie möglich auch neuen Bürgern zugänglich sein. In einigen Ländern, vor allem Deutschland, macht die Geschichte des 20. Jahrhunderts es heikel, über nationale Identität zu sprechen, aber dieser Dialog muss im Angesicht der neuen kulturellen Vielfalt Europas wieder eröffnet werden: Wenn die existierenden Bürger ihre nationale Staatsbürgerschaft nicht hinreichend schätzen, dürfen sich die europäischen Länder über mangelnde Wertschätzung unter den Neuankömmlingen nicht wundern.

Und in Wahrheit wird dieser Dialog bereits geführt. Vor einigen Jahren brachten Deutschlands Christdemokraten vorsichtig die Idee der Leitkultur ins Spiel - die Vorstellung, die deutsche Staatsbürgerschaft sei mit bestimmten Pflichten verbunden, wie zum Beispiel Standards für Toleranz und gegenseitigen Respekt einzuhalten. Der Begriff Leitkultur war 1998 von Bassam Tibi, einem deutschen Akademiker syrischer Herkunft, genau als nicht-ethnische, universalistische Konzeption einer Staatsbürgerschaft erfunden worden, die die nationale Identität auch für nicht-ethnische Deutsche öffnen sollte. Trotz dieser Ursprünge wurde die Idee von der Linken sofort als rassistisch und Rückfall in Deutschlands unglückliche Vergangenheit denunziert. Die Christdemokraten distanzierten sich schnell wieder davon. Aber in den letzten Jahren hat sogar Deutschland eine viel härtere öffentliche Debatte über nationale Identität und Massenimmigration geführt. Während der erfolgreichen Fußball-WM wurde der breite Ausdruck moderater nationaler Gefühle zur Normalität und sogar von Deutschlands Nachbarn begrüßt.

Trotz seines ganz anderen Ausgangspunktes kann Amerika die Europäer bei ihrem Versuch, eine postethnische Form nationaler Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit zu finden, vielleicht etwas lehren. Das amerikanische Leben ist voller quasireligiöser Zeremonien und Rituale, die die demokratischen politischen Institutionen des Landes feiern sollen:das rituelle Hissen der Flagge, der Staatsbürgerschaftseid, Thanksgiving und der 4. Juli. Im Gegensatz dazu haben Europäer ihr politisches Leben weitgehend entritualisiert. Europäer haben für die amerikanischen Spielarten des Patriotismus meist nur zynische Herablassung übrig. Aber solche Zeremonien sind für die Assimilation von Immigranten von großer Bedeutung.

Dabei hat Europa seine eigenen Vorbilder für die Schaffung nationaler Identitäten, die nicht in erster Linie auf Herkunft oder Religion basieren. Der berühmteste Fall ist der französische Republikanismus, der sich in seiner klassischen Form weigert, einzelne Gemeinschaftsidentitäten anzuerkennen und die Staatsgewalt dazu nutzt, die französische Gesellschaft zu homogenisieren. Mit dem Anwachsen des Terrorismus und der Revolten in den Vorstädten hat in Frankreich eine intensive Diskussion eingesetzt, warum diese Form der Integration gescheitert ist. Zum Teil mag das daran liegen, dass die Franzosen selbst ihr altes Konzept der Staatsbürgerschaft zugunsten einer Version des Multikulturalismus aufgegeben haben. Das Verbot des Kopftuchs 2004 war eine Rückkehr zum älteren Konzept des Republikanismus.

Großbritannien hat sich kürzlich bei amerikanischen und französischen Traditionen bedient, als es beschloss, den neuen Staatsbürgern sichtbare Zustimmung zur Nation abzuverlangen. Die Labour-Regierung hat Staatsbürgerschafts-Zeremonien für die neuen Bürger eingeführt, ebenso wie obligatorische Staatsbürgerschafts- und Sprachtests. Sie hat auch Staatsbürgerschaftskunde in den Schulen eingeführt. Großbritannien hat in den vergangenen Jahren einen starken Anstieg der Immigration erlebt, viele kamen aus den neuen Mitgliedsländern der EU - wie Polen. Wenn Großbritannien heute die Immigranten als Schlüssel für den Ausbau der wirtschaftlichen Dynamik betrachtet, dürfen die USA dabei als Vorbild gelten. Immigranten sind willkommen, so lange sie arbeiten, statt Sozialhilfe zu beziehen, und dank des wie in den USA flexiblen Arbeitsmarktes gibt es auch jede Menge Jobs für ungelernte Arbeiter. Im größten Teil Europas führen jedoch unflexible Arbeitsgesetze und großzügige Beihilfen dazu, dass Immigranten nicht wegen der Arbeit, sondern wegen der Sozialhilfe ins Land drängen. Viele Europäer behaupten, dass der weniger großzügige Wohlfahrtsstaat in den USA die Armen ihrer Würde beraubt. Aber das Gegenteil ist richtig: Würde kommt von Arbeit und dem Beitrag, den man durch seine Arbeit der Gesellschaft gibt. In verschiedenen muslimischen Gemeinden in Europa lebt mehr als die Hälfte der Muslime von der Wohlfahrt, was unmittelbar zu ihrem Gefühl von Entfremdung und Hoffnungslosigkeit beiträgt.

Die europäische Erfahrung ist also nicht einheitlich. Aber in den meisten Ländern finden inzwischen Debatten über Identität und Migration statt - zum Teil freilich erst ausgelöst durch Terroranschläge und die Erfolge der populistischen Rechten.

Das Dilemma von Immigration und Identität hängt nicht zuletzt mit dem größeren Problem der Wertelosigkeit der Postmoderne zusammen. Die Verbreitung des Relativismus hat es dem postmodernen Menschen viel schwerer gemacht, noch positive Werte zu behaupten - und damit auch, von den Migranten gemeinsame Überzeugungen als Voraussetzung für die Staatsbürgerschaft einzufordern. Die postmodernen Eliten, vor allem die in Europa, glauben, sie hätten Identitäten, die durch Religion und Nation definiert sind, hinter sich gelassen und eine überlegene Position erreicht. Aber abgesehen von ihrer Feier endloser Verschiedenartigkeit und Toleranz finden postmoderne Menschen es schwierig, sich darüber zu verständigen, was eigentlich die Substanz des guten Lebens ausmacht, das doch alle anstreben.

Immigration zwingt uns ganz akut, die Frage "Wer sind wir?", die Samuel Huntington gestellt hat, zu diskutieren. Wenn postmoderne Gesellschaften eine ernsthaftere Diskussion über ihre Identität führen wollen, müssen sie die positiven Werte entdecken, die definieren, was es bedeutet, ein Mitglied dieser Gesellschaften zu sein. Wenn sie es nicht tun, kann es passieren, dass sie überwältigt werden von Menschen, die genauer wissen, wer sie sind.


Aus dem Englischen von Ekkehard Knörer und Anja Seeliger

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Francis Fukuyama wurde 1952 in Chicago geboren. Er promovierte an der Harvard University in Politikwissenschaften und war u. a. als Osteuropa-Experte Mitglied des politischen Planungsstabes im US-Außenministerium. Er lehrt Politische Ökonomie an der Johns Hopkins Universität in Baltimore.


Dieser Artikel wurde erstmals im Journal of Democracy veröffentlicht (hier als pdf) und später in der Februar-Ausgabe von Prospect (hier) veröffentlicht.

Pascal Bruckner hat mit seiner Polemik gegen Ian Burumas Buch "Murder in Amsterdam" und einen Artikel Timothy Garton Ashs eine internationale Debatte ausgelöst. Alle Artikel zu dieser Debatte finden Sie auf Deutsch hier, auf Englisch hier.

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